4.6. Zwischenfazit

Ob das Hören einer bestimmten Musikrichtung, die Zuneigung zu einer gewissen Band oder das gemeinsame Besuchen von Konzerten: Musik stellt für Jugendliche eine zentrale Bezugsgröße in der Zeit zum Erwachsenenalter dar. Die Rezeption von Musik bietet Jungen und Mädchen die Möglichkeit:

… durch vertonte Textinhalte ihr eigenes Leben zu reflektieren, Bestätigung für ihr Tun zu erfahren und sich über die Verhaltensweisen des vorbildhaften Stars zu identifizieren;

… durch das Fachwissen bezüglich bestimmter Genres oder KünstlerInnen Selbstwirksamkeit zu erlangen;

… durch gewisse Hörinteressen mit Gleichaltrigen in Kontakt zu treten und zwischenmenschliche Beziehungen zu erhalten;

… sich gegenüber der Erwachsenenwelt und anderen Jugendgruppen abzugrenzen.

Diese durchdringende Eigenschaft wurde unter anderem auch von politischen Parteien sowie Organisationen erkannt. Vor allem die Rechte versucht mit menschenverachtenden Musikproduktionen Jugendliche für ihre Ideologie zu begeistern. Dabei handelt es sich schon lange nicht mehr um billig produzierte Gitarrenmusik mit einfachen Texten. Die Musik der sogenannten Neuen Rechten findet sich heute bis in die kleinsten Verästelungen der populären Musikgenres wieder. Auch die Vertriebswege haben sich der neuen Zeit angepasst. Rechtsrock für junge Menschen wird nicht mehr nur per Audio-CD an Schülerinnen und Schüler verteilt, sondern vermehrt auch bequem und den jugendlichen Hörpräferenzen entsprechend über das Internet angeboten. Für eine interaktive Verbreitung der Neonazi-Musik steht eine Vielzahl von webbasierten Musikportalen zur Verfügung, die ohne Beschränkungen bekannteste Bands der rechten Szene den Jugendlichen zugänglich machen.
Allerdings nehmen nicht nur Neonazis das Verfassen demokratiefeindlicher Texte ausschließlich für sich in Anspruch, auch populäre und somit kommerziell erfolgreiche Musikgruppen können mitunter mit diskriminierenden Textbotschaften eine öffentliche Diskussion entfachen.

Dass Jugendliche befähigt werden, solche diskriminierenden Inhalte zu erkennen, zu reflektieren und entsprechend kritisch zu beurteilen, ist nicht nur Aufgabe des Elternhauses, sondern auch von schulischen sowie außerschulischen Bildungseinrichtungen. Vor allem Öffentliche Bibliotheken mit ihren reichhaltigen Musikbeständen sollten hier wesentlich dazu beitragen, die Medienkompetenz von Heranwachsenden zu steigern.

Bevor etwaige Bildungsmaßnahmen den jungen Menschen in der Kommune unterbreitet werden, sind allerdings aktivierende und fundiert durchgeführte Fortbildungsmaßnahmen für die bibliothekarischen Fachkräfte notwendig. Hierbei hat sich gezeigt, dass bibliotheks-wissenschaftliche Ausbildungsstellen zum überwiegenden Teil keine adäquate Einführung in die wichtigen Bereiche der Musiksoziologie geben. Daraus folgend wird das Thema „Rechtsrock“ und andere diskriminierende Musikerscheinungen von der deutschen Bibliothekswissenschaft nahezu unbe(tr)achtet gelassen. Dieser Zustand ist aus verschiedenen Gründen unbefriedigend. Zunächst steht die Geringschätzung der bibliothekswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit „Musik“ in keinem Verhältnis zu deren gesamtgesellschaftlichen Wichtigkeit. Daraus folgt wiederum, dass gerade diejenigen Potenziale, die durch eine jugendgerechte Auseinandersetzung mit den verschiedenen jugendkulturellen Milieus und deren musikalischen Ausdrucksformen entstehen, von den (zukünftigen) Bibliothekarinnen und Bibliothekaren aufgrund von Unwissenheit nicht abgerufen werden können.

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