4.4. Auseinandersetzung und Befähigung

„Ich bezeichne diese unparteiische Toleranz insofern als ‚abstrakt’ und ‚rein’, als sie davon absieht, sich zu einer Seite zu bekennen – damit freilich schützt sie in Wirklichkeit die bereits etablierte Maschinerie der Diskriminierung.“268

Grundsätzlich können zwei Bereiche der Auseinandersetzung mit problematischen Musikproduktionen genannt werden: 1. der staatliche Eingriff als Indizierungsmaßnahme auf Grundlage des Jugendschutzgesetzes und 2. die Förderung von Medienkompetenz von Heranwachsenden zur Befähigung zu kritischer Reflexion.

Da Liedtexte vieler Produktionen inzwischen so formuliert werden, dass sie weder strafrechtlich relevant sind noch indiziert werden können269 – wobei der pädagogische Wert von Indizierungsmaßnahmen grundsätzlich fragwürdig erscheint270 – muss in diesen Fällen medienpädagogisches Handeln als Form der Auseinandersetzung gewählt werden. Die Fokussierung auf die Frage, was strafrechtlich relevant ist und was nicht, darf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema nicht verhindern, geht aber „teilweise mit der problematischen Annahme von Pädagoginnen und Pädagogen einher, dass alles, was nicht indiziert ist, auch unbedenklich sei bzw., dass man bei allem, was nicht verboten ist, keine Handhabe habe und nichts dagegen tun könne.“271 Für Bildungseinrichtungen bedeutet dies, nicht (nur) auf staatliche Intervention mittels Zugangsbeschränkungen zu vertrauen, sondern Kinder und Jugendliche zu kritischen Rezipienten zu „erziehen“.

Deswegen soll in der weiteren Betrachtung der Fokus auf die Auseinandersetzung mit der Musik, also der Förderung von medienkompetentem Agieren gelegt werden.

Das unmittelbare Ziel der Auseinandersetzung mit verschiedenen Musikproduktionen sollte in allen Fällen die Herausbildung eines demokratischen Bewusstseins sein.272 Hierbei wird vor allem der Fokus auf die Vermittlung von demokratischen Werten und die Ablehnung von Diskriminierung gerichtet. Dabei ist es in erster Linie wichtig, die teilnehmenden Jugendlichen, die ebenso als VertreterInnen betroffener Jugendkulturen in Erscheinung treten können273, zum Nachdenken zu animieren und sie zum Beispiel dazu zu bringen, die eigene Position zu reflektieren und „das Ausrufezeichen in ein Fragezeichen zu verwandeln.“274 Schülerinnen und Schüler sollen mit dem Thema „Diskriminierende Musik“ im Allgemeinen und „Rechtsrock“ im Speziellen für die politische Wirkung von Musik sensibilisiert werden.275 Im Zentrum der aufklärungsorientierten Bildungsangebote sollte, neben der Befähigung zur kritischen Auseinandersetzung und der Stärkung demokratischer Kompetenzen, auch die Vermittlung von Informationen zu neonazistischer und allgemein diskriminierender Musik stehen. Musikspezifische Veranstaltungen geben häufig eine Einführung ins Genre und informieren zum Beispiel anhand von Statistiken über die Anzahl von Bands, Tonträgern und Konzerten über die Ausbreitung des Phänomens.

Viele Bildungsangebote enthalten zudem Elemente eines musikgeschichtlichen Zugangs, der beispielsweise die historische Entwicklung von Rechtsrock aus der Skinhead-Bewegung nachzeichnet und die Beeinflussung jener Musik in den historischen Kontext setzt.276
Auch der Werdegang einzelner bekannter Bands wird häufig in Veranstaltungen thematisiert. In diesem Zusammenhang werden teilweise auch demokratiefeindliche Tendenzen in speziellen Musikrichtungen wie beispielsweise Dark Wave, Black Metal, Hardcore-Punk oder Gangsta-Rap behandelt und auf fließende Übergänge zum Rechtsrock hingewiesen.277

Bei der konkreten Arbeit mit musikalischen Produktionen aus dem Rechtsrockmilieu ist es für die pädagogische Auseinandersetzung besonders bedeutsam, „nicht die Musikstile oder die Musikqualität zu kritisieren, sondern zuzugestehen, dass die Musik größtenteils ‚handwerklich gut gemacht’ ist.“278 Ebenso ist ein Rückfall in alte Verhaltensmuster zu vermeiden, nach denen Rechtsrock für Eltern, PädagogInnen und PolitikerInnen einfach nur eine abstrakte Bedrohung und schlechte Musik darstellte.279 Es sollte deswegen nicht darum gehen, die verschiedenen Musikstile von vornherein abzulehnen, sondern als etwas Legitimes anzuerkennen. Auch der Schluss: Diese oder jene Musikrichtung wird von Neonazis zum Transport von menschenverachtenden Parolen genutzt und ist demnach nicht diskussionswürdig, kann bei Jugendlichen eine ablehnende Haltung gegenüber der Maßnahme erzeugen. Um die bisweilen ansprechende Wirkung jener Musik zu verdeutlichen, ist es durchaus zulässig zu fragen, wie den Jugendlichen die Musik – zunächst ohne Betrachtung des Textes – gefällt.280
Selbstverständlich sollte das Abspielen von neonazistischer Musik in Schulen oder anderen Einrichtungen nicht geduldet werden. Stattdessen sollten die Tonträger Anlass sein für eine produktive Auseinandersetzung mit extrem rechter Ideologie, bei der mit den jugendlichen Rezipienten über die Inhalte geredet und Propagandastrategien diskutiert werden.281 Anhand der Texte sollen die Jugendlichen erschließen, welche Ideologien transportiert werden. „Potenziale der Textarbeit werden vor allem darin gesehen, dass diese die Teilnehmenden anregen sollen, zum Beispiel über die Frage zu diskutieren, in welcher Gesellschaft sie leben wollen.“282
Darüber hinaus umfasst die Arbeit mit diskriminierender Musik auch die Rezeption von Liedern bekannter Interpretinnen und Interpreten die eine klare Position gegen Intoleranz, Diskriminierung und Rechtsrock beziehen. „Der Einsatz dieser Musikstücke und/oder Musikvideos kann zum einen durch die mediale Aufbereitung an den Medienkonsum von Jugendlichen anknüpfen und damit eine attraktive Form der Darbietung demokratischer Alternativen darstellen.“283 Zum anderen bietet diese Vorgehensweise veritable Identifikationsmöglichkeiten. So kann der Einsatz von Musik ebenso Argumente gegen Rassismus, Antisemitismus, Homophobie oder Sexismus medial vermitteln und damit auch versuchen, „eine emotionale Bindung an Solidarität, Respekt, Demokratie und Menschenrechte zu befördern.“284 Auch medienpädagogische Zugänge wie das Verfassen eines eigenen Liedtextes können gewinnbringend eingesetzt werden, um Jugendliche zu ermuntern, selbst eine Position zu formulieren, wie mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen umgegangen werden kann, ohne auf demokratiefeindliche Deutungsmuster zurückzugreifen.285 Bei dieser Form der Auseinandersetzung wird gleichzeitig die Fähigkeit der Präsentation und der Kommunikation gelernt. Durch das Präsentieren selbst erstellter Texte kann nicht nur gelernt werden mit Kritik umzugehen und auf diese einzugehen, es kann darüber hinaus auch das Selbstbewusstsein der jungen TexterInnen gesteigert werden.286

  1. Marcuse, Herbert: Repressive Toleranz. In: Wolff, Robert P. et al.: Kritik der reinen Toleranz. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1966. S. 97 []
  2. Vgl. hierzu Bochmann, Corinna: Jugendgefährdende Medien im Rechtsextremismus aus Sicht der BPjM. URL http://www.bundespruefstelle.de/bpjm/redaktion/PDF-Anlagen/bpjm-aktuell-jugendgefaehrdende-medien-im-rechtsextremismus-aus-sicht-der-bpjm-aus-02-06,property=pdf,bereich=bpjm,sprache=de,rwb=true.pdf, Aktualisierung: 2006. S. 13 sowie Staud, Toralf: Das Buch gegen Nazis : Rechtsextremismus – was man wissen muss und wie man sich wehren kann. Köln: Kiepenheuer & Witsch – 2. aktual. Aufl.-, 2010. S. 205 []
  3. Das Beispiel der Rechtsrockband Landser verdeutlicht dieses Dilemma anschaulich. Obwohl alle Studioalben der Gruppe Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zugänglich gemacht werden dürfen, stellen Landser die am meisten rezipierte Neonaziband im deutschen Sprachraum dar. Vgl. hierzu auch Dornbusch, Christian et al. (Hrsg.): Rechtsrock : Bestandsaufnahme und Gegenstrategien. Münster : Unrast-Verl., 2002. S.316 []
  4. Elverich, Gabi et al.: Rechtsextreme Musik : ihre Funktionen für jugendliche HörerInnen und Antworten der pädagogischen Praxis. Halle : Dt. Jugendinst., Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, 2009. S. 120 []
  5. Vgl. Mair, Birgit (Hrsg.): Strategien gegen Neonazismus und Rassismus unter besonderer Berücksichtigung der Jugendarbeit. URL http://www.isfbb.de/download/Buch_ISFBB-Strategien-gegen-Neonazismus.pdf, Aktualisierung: 2012. S. 79 []
  6. Werden Jugendkulturen im Rahmen einer Maßnahme von Erwachsenen be- und angesprochen, so ist es essentiell den jugendlichen VertreterInnen jener Kulturen pädagogischen Respekt zu zollen. Im Rahmen der Beschäftigung mit diskriminierender Mainstream-Musik wird es grundlegend als ratsam angesehen, den Jugendlichen für die Entwicklung hin zum/zur ExpertIn einer bestimmten Jugendkultur Anerkennung zu zeigen. Diese Achtung sollen PädagogInnen nicht für die Rezeption von homophoben oder sexistischen Texten zollen, sondern für die Aneignungsleistungen rezeptiver und produktiver Kompetenzen bezüglich einer oder mehreren Musikszenen. Durch die Tatsache, als Experten auf einem bestimmten Gebiet erstgenommen zu werden, werden die kulturellen Identitäten der jugendlichen Selbstsozialisierer intensiviert. „Jugendliche Selbstsozialisierer vermitteln die audiovisuellen Codes und szenespezifisches Wissen der für sie bedeutsamen Kulturen besser als (Musik-)Pädagoginnen und Pädagogen, weil sie sie besser beherrschen und zudem über die entsprechenden Aneignungsstrategien verfügen.“ Siehe hierzu ausführlich Rhein, Stefanie et al.: Musikalische Selbstsozialisation Jugendlicher: Theoretische Perspektiven und Forschungsergebnisse. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 1 (2006), Nr. 4, S. 565 f. []
  7. Vgl. Elverich, Gabi et al.: Rechtsextreme Musik : ihre Funktionen für jugendliche HörerInnen und Antworten der pädagogischen Praxis. Halle : Dt. Jugendinst., Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, 2009. S. 87 []
  8. Vgl. Brunner, Georg: Musik und Politik: Rechtsrock. URL http://www.lehrer-online.de/rechtsrock.php, Aktualisierung: 2004. []
  9. Siehe hierzu exemplarisch eine Unterrichtseinheit für die Sekundarstufe I in den Fächern Musik/Sozialkunde zur Thematik „Rechtsrock – Musik von Rechts in der Schule“ von Brunner, Georg: Musik und Politik: Rechtsrock. URL http://www.lehrer-online.de/rechtsrock.php, Aktualisierung: 2004. []
  10. Vgl. Elverich, Gabi et al.: Rechtsextreme Musik : ihre Funktionen für jugendliche HörerInnen und Antworten der pädagogischen Praxis. Halle : Dt. Jugendinst., Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, 2009. S. 88 []
  11. Ebd. S. 95 []
  12. Vgl. Dornbusch, Christian et al.(Hrsg.): Rechtsrock : Bestandsaufnahme und Gegenstrategien. Münster : Unrast-Verl., 2002. S. 311 []
  13. Vgl. Elverich, Gabi et al.: Rechtsextreme Musik : ihre Funktionen für jugendliche HörerInnen und Antworten der pädagogischen Praxis. Halle : Dt. Jugendinst., Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, 2009. S. 95 []
  14. Vgl. Staud, Toralf: Das Buch gegen Nazis : Rechtsextremismus – was man wissen muss und wie man sich wehren kann. – 2. aktual. Aufl. – Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010. S. 205 []
  15. Vgl. Elverich, Gabi et al.: Rechtsextreme Musik : ihre Funktionen für jugendliche HörerInnen und Antworten der pädagogischen Praxis. Halle : Dt. Jugendinst., Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, 2009. S. 94 []
  16. Ebd. S. 105 []
  17. Ebd. S. 105 []
  18. Vgl. ebd. S. 105 []
  19. Vgl. Niesyto, Horst: Medienpädagogik: Milieusensible Förderung von Medienkompetenz. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Medien, Bildung, Soziale Ungleichheit. München : kopaed, 2010. S.156 []

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