4.3. Der Zugang: von Schulhof-CD bis Spotify


War es bis zu Beginn der 2000er Jahre lediglich über konspirativ geplante Treffen beziehungsweise Rechtsrock-Konzerte möglich, neonazistische Medien zu erwerben, so hat sich der Zugang zu Rechtsrockproduktionen in den letzten 10 Jahren grundlegend geändert. Im Jahr 2010 kamen mehr als 100 neue Tonträger mit Auflagen bis zu 10.000 Stück auf den Markt, die dank mp3-Format und Internet barrierefrei und ohne merklichen Qualitätsverlust tausendfach kopierbar sind.256 Besonders aktiv bei der Verbreitung von Medien mit rassistischer Musik ist die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD). Mit der als Schulhof-CD bekannten Audio-CD, hat die Partei ein jugendgerechtes Medium für sich entdeckt, mit dem sie auf sich und ihre Politik aufmerksam machen kann. Die Erfahrungen aus allen Schulformen und an unterschiedlichsten Orten zeigen, dass das Angebot angenommen wird. Entsprechend macht die NPD auch weiter Gebrauch von diesem Medium.257 Die Verbreitung solcher Medien findet allerdings schon länger nicht mehr nur direkt vor dem Schulhof statt.

„Neonazis verteilen schon seit Jahren immer wieder Materialien im Schulumfeld, bewerben sie per E-Mail und bieten sie im Internet zum Download an. 2011 wurde diese Propagandastrategie erweitert: Die bereits 2010 entstandene Schüler-CD ‚Jugend in Bewegung’ wurde nach und nach zu einer komplexen DVD – darin enthalten waren Musik, Videos und Propagandamaterial. Um das Machwerk zu bewerben, bedienten sich Rechtsextreme dann eines Guerilla-Marketings: Neben einer breiten Streuung auf Szeneangeboten und der Entwicklung von Merchandising-Produkten, bewarben sie das Propagandawerk auch getarnt mit einem an Schülerinnen und Schüler gerichteten Brief. Dieser wurde beispielsweise per Pressemeldung in Nachrichtenportalen oder per E-Mail unter fingiertem Absender (‚Bundesministerium für politische Bildung’) als Bildungsmaterial verbreitet. Das Resultat: Google listete zeitweise mehr als 10.000 Fundstellen zur Website schueler-cd.info auf und auch Presseportale führten die Neuerscheinung als News. Die Kampagne erreichte so ein Publikum weit über die Neonaziszene hinaus.“258

Nicht nur die Wahl eines jugendgerechten Mediums, sondern auch das Aufgreifen gesellschaftlich relevanter Themen, macht die Schulhof-CD zu einem besonders effektiven Propagandainstrument. In der Mehrzahl folgen die Liedtexte einem für jugendlichen Hörer anziehendem Muster: aktuelle Probleme werden zunächst schematisch angerissen, dabei kann es um Kinderarmut oder Arbeitslosigkeit, Globalisierung oder Abwanderung, oder aber auch um die Zerstörung der Umwelt gehen.259 In aller Regel werden die Schulhof-CDs von der BPjM indiziert. Aus der Indizierungsentscheidung zur CD „Freiheit statt BRD!“ (2010), herausgegeben vom NPD-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern, heißt es unter anderem:

„Es finden sich auf der CD die dargestellten Äußerungen, die die Ideologie des Nationalsozialismus propagieren bzw. verharmlosen sowie Homosexuelle und Migranten diskriminieren. Aus den Äußerungen spricht eine tiefe Missachtung Andersdenkender und Homosexueller sowie unserer benachbarten Völker. Das Erziehungsziel in unserer Gesellschaft ist darin zu sehen, dass Kinder und Jugendliche lernen sollen, andere Menschen zu tolerieren und zu respektieren, auch wenn diese anderen Ethnien, Religionen und Ideologien angehören oder eine andere sexuelle Orientierung haben. Nach Ansicht des Gremiums ist daher die Jugendgefährdung, die von diesen Äußerungen und der darin zu erkennenden Geisteshaltung ausgeht, so erheblich, dass die Meinungsfreiheit gegenüber dem Jugendschutz zurückstehen muss.“260

Durch die Verbreitung verschiedener webbasierter Musikportale lassen sich Neonazibands wie Landser, Moshpit, Brainwash, n’Socialist Soundsystem oder Kommando Freisler ohne weiteres von interessierten Jugendlichen auffinden. „Wenn man beispielsweise bei Last.fm nach den Kaiserjägern261 sucht, wird als ähnliche Band ‚Noie Werte’ aufgeführt; diese Gruppe lieferte den Soundtrack für das NSU-Bekennervideo.“262

Auch bei YouTube und Spotify ist es für junge Rezipienten möglich, Musik von Bands wie Endlöser, Sturmwehr, Landser, Störkraft oder Panzerfaust ohne größere Recherchekenntnisse zu finden und mit entsprechenden Accounts kostenfrei zu hören. „Ob ‚Kanake verrecke’ (Landser), ‚Terror’ (Störkraft) oder ‚Herrenrasse’ (Macht und Ehre) – zuhauf finden sich Neonazi-Titel auf Googles Videoplattform [YouTube, Anm. d. Verf.]: Aufnahmen indizierter263, oft sogar beschlagnahmter Produktionen.“264 Werden durch NutzerInnen einschlägige Bands gefunden, wird ihnen durch semantische Suchautomatismen eben genannter Musikportale ähnliche Bands zum (weiter)konsumieren vorgeschlagen.265 Ebenso finden sich rechte Musikstücke bei kommerziellen Downloadportalen wie von Amazon, Apples iTunes-Store266 oder der deutschen Media-Saturn-Holding GmbH wieder.267

Zusammenfassung

Im eben dargestellten Teilkapitel wurden die verschiedenen Erscheinungsformen dezidiert neonazistischer Musikproduktionen vorgestellt. Als Instrument der Ansprache von jugendlichen Rezipienten dient rechte Musik der Rekrutierung und als gemeinschaftsstiftende Sache in der Verfestigung der eigenen und in Abgrenzung von anderen nicht-rechten Jugendkulturen. Mittlerweile werden die äußerst menschenfeindlichen Texte in subtil klingenden Botschaften verpackt, um nicht mehr dem Anschein des dumpfen Neonazi-Rocks zu entsprechen. Doch nicht nur Rechtsrock-Bands warten mit rassistischen, homophoben oder chauvinistischen Textinhalten auf. Auch Musikgruppen und KünstlerInnen des popkulturellen Mainstreams können durchaus diskriminierende Botschaften verbreiten. Durch den erreichten „Star“-Status wirken kommerziell erfolgreiche Produktionen besonders vorbildhaft auf Jugendliche. Dies gilt ebenso für das äußere Auftreten wie auch für die vertretenen Menschenbilder. Auch wenn menschenverachtende Lieder von staatlichen Stellen als jugendgefährdend eingestuft wurden, können Kinder und Jugendliche den Zugang zu nahezu jeder Art eben jener verbotenen Musikerscheinungen über webbasierte Musikportale finden.

Schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen kommt deswegen gleichermaßen die Aufgabe zu, Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, diskriminierende Musikproduktionen zu erkennen und eine entsprechend (kritische) Reflexionsfähigkeit zu erreichen. Im folgenden Abschnitt werden deswegen Maßnahmen zur Förderung von notwendigen Kompetenzen vorgestellt.

  1. Vgl. Staud, Toralf et al.: Neue Nazis : jenseits der NPD: Populisten, Autonome Nationalisten und der Terror von rechts. Köln : Kiepenheuer & Witsch, 2012. S. 86 ff. []
  2. Vgl. Raabe, Jan: Was verbirgt sich hinter der „Schulhof-CD“? URL http://www.netzgegennazis.de/artikel/was-verbirgt-sich-hinter-der-schulhof-cd, Aktualisierung: 2008. []
  3. jugendschutz.net (Hrsg.): Rechtsextremismus online : beobachten und nachhaltig bekämpfen ; Bericht über Recherchen und Maßnahmen im Jahr 2011. URL http://www.hassimnetz.info/fileadmin/dateien/pk2012/bericht2011.pdf, Aktualisierung: 2012. S. 8 []
  4. Vgl. Staud, Toralf: Das Buch gegen Nazis : Rechtsextremismus – was man wissen muss und wie man sich wehren kann. – 2., aktual. Aufl. – Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010. S. 215 []
  5. Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (Hrsg.): Schulhof-CD „Freiheit statt BRD!“ : zur Indizierung der sogenannten Schulhof-CD des NPD Landeverbandes Mecklenburg-Vorpommern. URL http://www.bundespruefstelle.de/bpjm/redaktion/PDF-Anlagen/bpjm-aktuell-schulhof-cd-freiheit-statt-brd-aus-04-10,property=pdf,bereich=bpjm,sprache=de,rwb=true.pdf, Aktualisierung: 2010. S. 29 f. []
  6. Vorgängerband des Frei.Wild-Sängers Philipp Burger. []
  7. Gensing, Patrick et al.: Frei.Wild : “unpolitischer” Hass auf “Gutmenschen”. URL http://www.publikative.org/2012/10/31/frei-wild-unpolitischer-hass-auf-gutmenschen/, Aktualisierung: 2012. []
  8. Die BPjM hat bei der Veröffentlichung über US-amerikanische Dienste keinen rechtlichen Handlungsspielraum. Sie kann gegenüber den Betreibern lediglich informierend auftreten. []
  9. Bell, Martin: YouTube und die braunen Musikanten : Frei verfügbarer Nazi-Rock. URL http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/indizierter-nazi-rock-beiyoutube-a-887637.html, Aktualisierung: 2013. []
  10. Vgl. Jäger, Christian: Kostenloser Rechtsrock, dank Spotify. URL http://www.freitag.de/autoren/christianjaeger/kostenloser-rechtsrock-dank-spotify, Aktualisierung: 2012. []
  11. Apple kooperiert unter anderem mit Shazam, einem britischen Musik-Identifikationsdienst für Smartphones und Tablets. Auch dieser Dienstleister bietet explizite Rechtsrock-Musik für interessierte Jugendliche an. []
  12. Vgl. dazu unter anderem Janzen, David: „Blöd wer mehr bezahlt!“ : Musikalische Hitler-Verehrung für 79 Cent. URL http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2013/06/30/blod-wer-mehr-bezahlt-musikalische-hitler-verehrung-fur-79-cent_13374, Aktualisierung: 2013. []

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