4.1. Musikkonsum und Wirkung von Musik auf Jugendliche

„We need to eat, we need to sleep, and we need – music“184

„Pop ist zum größten gesellschaftlichen Feldversuch der Menschheitsgeschichte angewachsen, weiterverbreitet als parlamentarische Demokratie und zuckerfreies Cola.“185

Musik und Musikmedien werden von Jugendlichen besonders intensiv genutzt. Vor allem die nachdrückliche Auseinandersetzung mit KünstlerInnen und deren Songtexten sowie den unterschiedlichsten kulturellen Verwobenheiten von musikalischen Produktionen sind prägnant für das Jugendalter. Dass das Musikhören zu einer der Hauptaktivitäten und zugleich zur medialen Lieblingsbeschäftigung in der Freizeit von Jugendlichen gehört, zeigten in der Vergangenheit mehrere Untersuchungen.186 Den Ergebnissen der aktuellen JIM-Studie zufolge rangiert das Hören von Musik, noch vor der Internetnutzung und dem Lesen von Büchern, an erster Stelle der populärsten Freizeitbeschäftigungen von Kindern und Jugendlichen. Vor allem bei Jungen und Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren wird Musikhören als besonders wichtig eingeschätzt. Dabei ist zu erkennen, dass mit steigendem Alter die Bedeutung von Musik zunimmt.
Musik wird von Jugendlichen heutzutage hauptsächlich über drei Wege konsumiert: über das Radio, per CD-/MP3-Player und über das Internet.187 Wenn sich die Heranwachsenden Musikvideos ansehen, dann am häufigsten online.188 Deutlich verstärkt wird diese Erkenntnis durch das Zusammenspiel zwischen sozialen Netzwerken, wie z.B. Facebook oder SchülerVZ, und verschiedenen Videoportalen, wie z.B. YouTube oder MyVideo.

Jugendliche hinterlegen via Link auf Pinnwänden ihrer (virtuellen) Freunde die Lieblingsmusik und informieren sich gegenseitig über angesagte oder persönlich präferierte KünstlerInnen.189 Grundsätzlich ist deswegen festzustellen: wenn es um die Beschäftigung mit Musik geht, nimmt das Internet einen beachtlichen Stellenwert ein.190 Im Zuge dieser Entwicklung lässt sich mithin erkennen, dass die Eltern bei der Vermittlung von Musikerfahrungen für Jugendliche keine wesentliche Rolle mehr spielen.191 Peers lösen in vielen Bereichen die Familie als primäre Bezugsinstanz ab und eröffnen damit neue Bildungs- und Sozialisationsräume in der Freizeit.192

Anhand dieser Aussagen wird deutlich, dass Musik im privaten wie im öffentlichen Leben der Jugendlichen in einer Weise gegenwärtig ist, wie dieses kaum von einer anderen gesellschaftlichen Tätigkeit behauptet werden kann. Besonders für den Bereich der Jugendkulturen dient Musik sowohl der Identitätsbildung als auch der gruppenspezifischen Abgrenzung von Jugendkulturen untereinander.193 Im Hinblick auf die Identitätsentwicklung im Jugendalter ist die Auseinandersetzung mit Musik hilfreich und prägend zugleich. Selbstfindung und Selbstverwirklichung werden über die Rezeption und Aneignung von Musik möglich.194 „In der Auseinandersetzung mit Klangkompositionen, Songtexten und Musikern sowie Musikerinnen erfahren Kinder und Jugendliche etwas über sich selbst, stellen sie Bezüge zu ihrem Körper, zu ihren Empfindungen, ihren Gedanken her.“195 Jene Identitätsentwicklung ist gerade im Jugendalter oft krisenbehaftet und nicht immer leicht. Es ist demnach anzunehmen, dass Musik in komplizierten Lebensphasen durchaus sinn- und identitätsstiftend ist, und dass die ersten emotionalen Gefühle, welche mit Musik in Verbindung gebracht werden, nicht vergessen werden.196 Vor allem aufgrund der Vielfalt an Sozialisationsmöglichkeiten ist der Weg für die eigene Entwicklung oft undurchsichtig und komplex. Musikwissen und auch die Leidenschaft für und das große Interesse an Musik ist ein bedeutsamer Baustein zur Bildung und Demonstration der jugendlichen Identität.197
Hierbei stellen Plattformen, wie Facebook oder SchülerVZ, Möglichkeiten zur Verfügung, sich musikalisch zu verorten und musikalische Zuneigungen, etwa durch den Beitritt zu virtuellen Fan-Gruppen, nach außen darzustellen.198 Expertenwissen über musikalische Vorgänge und Entwicklungen kann nicht nur für die soziale Anerkennung unter Gleichaltrigen sehr wertvoll sein, sondern auch eine „stabile, subjektive Größe inmitten all der partiellen Identitätssuchprozesse“199 darstellen, sodass beispielsweise unpopuläre Musikpräferenzen unter Umständen zu einem verminderten sozialen Status innerhalb der Clique führen können. Musikalische Übereinstimmungen sind durch den Einfluss von Mehrheiten somit durchaus möglich.200 Die Interaktion aufgrund musikalischer Erfahrungen und kultureller Identität stellt dabei allerdings nicht nur im Rahmen von Jugendkulturen – wie etwa in der Hardcore-, Emo-, Techno- oder Hip-Hop-Szene – einen Zugang bzw. eine Zugangsvoraussetzung zu Gleichgesinnten dar, sondern ist auch für Freundschaften und Cliquenbeziehungen ein wichtiges, zum Teil sogar zentrales und verbindendes Element.201 Die Rezeption und Aneignung von Musik innerhalb der verschiedenen Peer-Groups wird zudem als eine Möglichkeit der Abgrenzung zur Erwachsenenwelt genutzt.202
Zwar weiß man bis heute nicht alles über die Dimensionen von Musik und welche Einflüsse diese auf die Persönlichkeit eines Menschen haben kann203, generell kann allerdings davon ausgegangen werden, dass den unterschiedlichen Jugendmusikkulturen ein großer Anteil an der jugendlichen Sozialisation zukommt und sie daher für verschiedene Verhaltensmuster verantwortlich sind. Musikstars etwa stellen für die jugendlichen HörerInnen Identifikationsfiguren dar. Über ihre Vorbildfunktion können MusikerInnen gewisse politische, moralische oder religiöse Haltung transportieren.204
Musik kann durch die transportierten Botschaften eine große Bedeutung bei der Vermittlung von geschlechterspezifischen sozialen Leitbildern und Verhaltensweisen haben.205 Dabei sind es in besonderem Maße die Songtexte, die vornehmlich Einfluss auf die jugendlichen Hörerinnen und Hörer ausüben. Im Grunde beinhalten die meisten Songtexte all die Elemente, die Menschen bewegen, die ihnen widerfahren, die sie traurig oder glücklich stimmen.

„Nicht nur situativ, sondern mit einer gewissen Nachhaltigkeit werden Gefühle, Stimmungen, Wünsche und Sehnsüchte ‚bearbeitet’. Diese Bearbeitung kann emotional, kognitiv und sozial-kulturell erfolgen. So können durch die Rezeption Lebens-, Liebes- und Partnerschaftsentwürfe reflektiert und gegebenenfalls verworfen werden. Gefühle und Freiheit und Autonomie werden generiert und unterstützt, Ängste durchlebt und Visionen möglich. Mitunter werden auch erste Bedürfnisse und unbewusste Wünsche aufgedeckt.“206

Neuere Studien fanden beispielsweise heraus, dass junge Erwachsene beim Hören von originär gewalthaltigen Songtexten verschiedener Genres feindseligere Gefühle und eine aggressivere Grundstimmung aufwiesen, als solche, die ähnliche Musikstücke mit nicht gewalthaltigen Inhalten vorgespielt bekamen.207

Zusammenfassung

In dieser kurzen Übersicht über die Wirkweisen von Musik auf Jugendliche wurde deutlich, dass das Hören von Musik für die Heranwachsenden einen wesentlichen Sozialisationsfaktor im Rahmen ihrer Entwicklung darstellt. Bestimmte Musikvorlieben können abgrenzende, ausgrenzende, zugleich aber auch einbeziehende Wirkung entfalten. Jugendliche können in Peer-Groups (ob online oder offline) ihre Selbstwirksamkeit steigern, indem sie ihr Expertenwissen zu bestimmten Liedern oder Bands spezifischer Musikszenen preisgeben. Heranwachsende reflektieren durch gehörte Songtexte ihre derzeitige Lebenssituation und adaptieren gewisse moralische Haltungen durch das Auftreten ihrer musikalischen Vorbilder. Das Internet spielt für einen wesentlichen Teil der Mädchen und Jungen beim Hören und Informieren von und über Musik eine große Rolle.

  1. Textzeile aus dem Lied „Track ID Anyone?“ (Amygdala. Berlin : Pampa Rec., 2013) von DJ Koze. []
  2. Bruckmaier, Karl: Werch ein Illtum : über links und rechts in der Popmusik. In: Kursbuch (2013), Nr. 173, S. 151 []
  3. Siehe hierzu unter anderem: Hartung, Anja et al.: Musik und Gefühl : eine Untersuchung zur gefühlsbezogenen Aneignung von Musik im Kindes- und Jugendalter unter besonderer Berücksichtigung des Hörfunks. Berlin : Vistas, 2009; Schorb, Bernd (Hrsg.): Klangraum Internet : Report des Forschungsprojektes Medienkonvergenz Monitoring zur Aneignung konvergenter Hörmedien und hörmedialer Online-Angebote durch Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren. Leipzig : SLM, 2012 sowie die alljährlich veröffentlichten KIM und JIM-Studien. []
  4. Vgl. Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (Hrsg.): JIM-Studie 2012 : Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart, 2013. S.12 und Schorb, Bernd (Hrsg.): Klangraum Internet : […]. Leipzig : SLM, 2012. []
  5. Vgl. Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (Hrsg.): JIM-Studie 2012 : Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Stuttgart, 2013. S. 54 []
  6. Vgl. Heyer, Robert et al. (Hrsg.): Handbuch Jugend, Musik, Sozialisation. Wiesbaden : Springer VS, 2013. S. 147 und Schorb, Bernd (Hrsg.): Klangraum Internet : […]. Leipzig : SLM, 2012. S. 35 []
  7. Vgl. Rakebrand, Thomas et al.: Das Internet als Informationsmedium Heranwachsender. In: Merz, Zeitschrift für Medienpädagogik (2013), Nr. 3, S. 29 []
  8. Vgl. Heyer, Robert et al. (Hrsg.): Handbuch Jugend, Musik, Sozialisation. Wiesbaden : Springer VS, 2013. S. 147 []
  9. Vgl. ebd. S. 299 []
  10. Vgl. Deutscher Musikrat (Hrsg.): DMR kompakt : Positionen, Publikationen, Grundlagen. Berlin, 2012. S. 38 []
  11. Hoffmann, Dagmar: „My music pulls me tough“ : Musik als identitäts- und sinnstiftende Größe. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Jugend, Medien, Identität. München : kopaed, 2009. S. 166 []
  12. Ebd. S. 166 []
  13. Vgl. ebd. S. 170 []
  14. Vgl. Rosa, Lisa et al.: Neue Strategien und Praktiken des Rechtsextremismus. In: Edelstein, Wolfgang et al. (Hrsg.): Beiträge zur Demokratiepädagogik : eine Schriftenreihe des BLK-Programms: „Demokratie lernen & leben“. Berlin, 2005. S. 7 []
  15. Vgl. Schorb, Bernd (Hrsg.): Klangraum Internet : […]. Leipzig : SLM, 2012. S. 36 []
  16. Hoffmann, Dagmar et al.: ”Geile Zeit” und ”Von hier an blind”: Bedeutungen und Potenziale musikalischer Erprobungen im Jugendalter am Beispiel der Aneignung von Popularmusik. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation (2008), Nr. 3, S. 294 []
  17. Vgl. Heyer, Robert et al. (Hrsg.): Handbuch Jugend, Musik, Sozialisation. Wiesbaden : Springer VS, 2013. S. 137 []
  18. Vgl. ebd. S. 302 sowie Calmbach, Marc et al.: Do it yourself : über Selbstsozialisation und kulturelles Kapital Jugendlicher. In: Thomas, Peter et al. (Hrsg.): Jugendliche Lebenswelten : Perspektiven für Politik, Pädagogik und Gesellschaft. Berlin [u.a.] : Springer, 2013. S. 129 []
  19. Vgl. Hoffmann, Dagmar: „My music pulls me tough“ : Musik als identitäts- und sinnstiftende Größe. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Jugend, Medien, Identität. München : kopaed, 2009. S. 169 sowie auch Rhein, Stefanie et al.: Musikalische Selbstsozialisation Jugendlicher: Theoretische Perspektiven und Forschungsergebnisse. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 1 (2006), Nr. 4, S. 560 f. []
  20. Vgl. Hoffmann, Dagmar: „My music pulls me tough“ : Musik als identitäts- und sinnstiftende Größe. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Jugend, Medien, Identität. München : kopaed, 2009. S. 166 []
  21. Vgl. Heyer, Robert et al. (Hrsg.): Handbuch Jugend, Musik, Sozialisation. Wiesbaden : Springer VS, 2013. S. 257 []
  22. Vgl. Pöge, Andreas: Musiktypologien und Delinquenz im Jugendalter. In: BPJMaktuell (2012), Nr. 4, S. 10 []
  23. Hoffmann, Dagmar: „My music pulls me tough“ : Musik als identitäts- und sinnstiftende Größe. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Jugend, Medien, Identität. München : kopaed-Verl., 2009. S. 169 []
  24. Vgl. Pöge, Andreas: Musiktypologien und Delinquenz im Jugendalter. In: BPJMaktuell (2012), Nr. 4 , S. 10 []

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