3.5. Konsequenzen für Bibliotheken?

Für die praktische bibliothekarische Arbeit bedeutet die Auseinandersetzung mit der Medienpädagogik, und dementsprechend mit den Medien selbst, einen Spagat zwischen der vormals bestandsorientierten und der derzeit propagierten nutzerorientierten (oder auch dienstleistungsorientierten) Arbeit.176 Der Mittelweg, d.h. eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Bestand – genauer: mit den Bestandsinhalten – und die erst daraus resultierende Erarbeitung von Förderangeboten, wie z.B. medienpädagogische Veranstaltungen, erscheint als einzige Möglichkeit der dargelegten und für notwendig erachtete werteorientierten Medienkompetenzförderung gerecht zu werden.

Dieser Ansatz erfordert allerdings einen Paradigmenwechsel in der Begründung bibliothekarischer Arbeit, nämlich die Anerkennung der Menschenrechte und das darauf aufbauende grundlegende Verständnis von Demokratie als das zentrale, bibliothekarische Arbeit und Bibliotheken überhaupt erst rechtfertigende und fordernde, Merkmal.
Die Aufgabe der bibliothekarischen Berufswelt ist es dann, in einem partizipativen Prozess die Ausformung und die fachlichen Grundlagen der bibliothekarischen Handlungsweisen, mit Bezug auf die eigene Rolle in der Gesellschaft, zu definieren. Dieser Ansatz stellt aber, wie bereits dargelegt, den derzeit auch in der bibliothekarischen Wertediskussion („Code of ethics“) im Mittelpunkt stehenden Kundenbegriff infrage, der wertfrei und systemunabhängig ist, womit er im Widerspruch zur eben benannten Begründung für die Notwendigkeit bibliothekarischer Arbeit steht.
Auch die bestehenden Diskussionen über die Veränderung der Bestandsorientierung bibliothekarischer Arbeit, hin zu nutzerorientierter Arbeit führen am Ziel vorbei, sofern sie als gegensätzlich wahrgenommen werden und nicht als zwei sich gegenseitig ergänzende, wenn nicht gar bedingende Arbeitsbereiche verstanden werden.

Da nicht jede Bibliothek mit der adäquaten Menge an Personal ausgestattet ist, um beständig aktuelle medienpädagogische Angebote entwerfen zu können, muss sich die Form und Tiefe der Auseinandersetzung freilich auch an den Möglichkeiten der jeweiligen Bibliothek orientieren. Anhand der Beantwortung verschiedener Fragestellungen lassen sich die Handlungsfelder wesentlich eingrenzen:

  • Soll die Bibliothek bspw. ausschließlich als Vernetzungsstelle agieren oder kann sie aufgrund ihrer Größe eigene Bildungsangebote leisten?
  • Entsteht ein Bildungsangebot in Zusammenarbeit mit externen Einrichtungen?
  • Welche externen Einrichtungen bieten sich für eine Zusammenarbeit an?
  • Bietet es sich an, Veranstaltungen im eigenen Haus oder in außerbibliothekarischen Institutionen durchzuführen?
  • Welche Form von Veranstaltung bietet sich an: Vortrag, Workshop, Ausstellung o.ä.?

Hinzuzufügen ist, dass die von den Bibliotheken angenommene177 und bisweilen postulierte Selbstsozialisation von Jugendlichen, also die Eigenleistungen der Individuen im Sozialisationsprozess mit Medien, zu negativen Folgen bei den „Selbstsozialisierern“ führen kann. Diese können in ihrem medienautonomen Handeln und in der selbstdefinierten Zuneigung zu gewissen Jugendkulturen bisweilen keine ausreichenden Distanzierungskomplexe gegenüber problematischen Medienangeboten und medialen Inszenierungsstrategien aufbauen.178 Es reicht beispielsweise für die Entwicklung kultureller Toleranz nicht aus, wenn sich Jugendliche lediglich in ihrer eigenen Musikszene auskennen. Jene Abkapslung kann zur vermeintlichen Abwertung der anderen Jugendszenen und somit womöglich zu diskriminierenden Handlungsweisen führen.

(Bibliotheks-) Pädagogische Angebote müssen selbstsozialisierten Jugendlichen, also Experten ihres eigenen kulturellen Lebensumfeldes, Einblicke in die Vielfalt entsprechender kommunal-kultureller Erscheinungen geben.179 Hierbei gilt es für PädagogInnen und BibliothekarInnen eine Balance zwischen eigenständigen Erfahrungen und (medien-) pädagogischen Maßnahmen zu finden.

Abschließend muss der Widerspruch zwischen den beständigen Verweisen bibliothekarischer Institutionen auf die Notwendigkeit der Beschäftigung mit Medienkompetenz und der tatsächlich kaum erkennbaren fachlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema noch einmal hervorgehoben werden. Resultat dieses Widerspruchs ist die Gefahr, insofern nicht als ernsthaft wahrgenommen zu werden, als die Nutzung der kommunikativen Attraktivität einer Begrifflichkeit (wie die der Medienkompetenz), statt einer fachlichen qualifizierten Auseinandersetzung von außen erkannt und als negativ gewertet wird.

Zukünftige Auseinandersetzungen mit Fragen der Medienkompetenz müssen insbesondere die praktische Umsetzung unter den verschiedensten Voraussetzungen der einzelnen Bibliotheken berücksichtigen, denn:

„Praktikerinnen und Praktikern Leistungskataloge an die Hand zu geben, in denen festgehalten ist, was alles zur Medienkompetenz gehört, ist wenig hilfreich. Solche Leistungskataloge sind zu abstrakt, zu wenig eingebunden in die Vielfalt medienerzieherischer Aufgabenfelder und damit kaum konkretisierbar.“180

Aus diesem Grund wird im folgenden Kapitel die medienpädagogische Arbeit mit diskriminierender Musik näher betrachtet. Zunächst wird ganz allgemein auf die Wirkweise von Musik auf Jugendliche eingegangen, ehe der Fokus auf die Besonderheit von neonazistischer Musik sowie diskriminierenden Veröffentlichungen kommerziell erfolgreicher Bands / Künstler-Innen gerichtet wird. Aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse wird ferner untersucht, inwieweit sich die deutsche Bibliothekswissenschaft im Rahmen der Bibliothekarsausbildung mit musiksoziologischen Phänomen bereits auseinandergesetzt hat. Abschließend werden Vorschläge für die praktische Arbeit in öffentlichen Bibliotheken unterbreitet.

  1. Siehe hierzu u.a. Thorhauge Jens: Wichtiger als je: Öffentliche Bibliotheken in einer digitalisierten Gesellschaft. URL http://www.bz-niedersachsen.de/tl_files/bz-niedersachsen/Content/Autoren%20und%20Fortbildungen/Jens%20Thorhauge_Wichtiger%20als%20je%20-%20OeBs%20in%20einer%20digitalisierten%20Gesellschaft.pdf, Aktualisierung: 2013. S. 17 []
  2. Die fehlende Anerkennung für werteorientierte Medienpädagogik stellt den Umkehrschluss zur angenommenen Selbstsozialisation dar. In demokratiepädagogischem Sinne ist dies ein Akt der Verweigerung von Verantwortungsübernahme. []
  3. Vgl. Niesyto, Horst: Medienpädagogik: Milieusensible Förderung von Medienkompetenz. In: Theunert, Helga (Hrsg.): Medien, Bildung, Soziale Ungleichheit. München : kopaed, 2010. S.153 []
  4. Vgl. Rhein, Stefanie et al.: Musikalische Selbstsozialisation Jugendlicher: Theoretische Perspektiven und Forschungsergebnisse: In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 1 (2006), Nr. 4, S. 565 []
  5. Pietraß, Manuel: Digital literacy als Ausdifferenzierung von Medienkompetenz : ein 3-Phasen-Modell. In: Merz, Zeitschrift für Medienpädagogik (2012), Nr. 5, S. 30 []
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  1. […] Ball kreist im weiteren Verlauf um die Umwidmung der Bestandsorientierung in eine Dienstleistungsorientierung. Ein Ausgleich zwischen beiden Prinzipien ist nach meiner Ansicht der wesentlich wertvollere Ansatz, als jene von Ball präferierte marktradikale Variante. Aber auch hierzu verweise ich auf die Masterarbeit. […]

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