3.3. Zwischenfazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bibliothekarische Verbände und Interessenvertretungen, aber auch die deutsche Bibliothekswissenschaft, sehr konkret auf die Förderung von Kompetenzen zur Befähigung von Heranwachsenden zur Auseinandersetzung bezüglich gefährdender Inhalte eingehen. Bspw. wird hinsichtlich der Erwerbung von Medien auf gesetzliche Vorgaben und die Probleme der diskriminierenden Wirkung einzelner Inhalte hingewiesen. Zudem konzentrieren sich bibliothekarische AkteurInnen auf die Zusammenarbeit mit schulischen Einrichtungen, mit denen eine ausgeprägte Bildungspartnerschaft eingegangen werden soll.

Bei der Betrachtung der verschiedenen Texte sind jedoch auch wesentliche Leerstellen aufgefallen. Es mangelt, insbesondere im Bereich der Medienpädagogik, an fundierten Handlungsanleitungen, die erläutern, in welchem Rahmen die verschiedenen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen gesteigert werden können. Darüber hinaus wird bei der Sichtung zahlreicher bibliothekarischer Fachtexte erkennbar, dass – bezüglich der pädagogischen Auseinandersetzung mit Medien – theoretische Bezüge zu Grundlagenliteratur der Medienwissenschaft fehlen. Die Möglichkeit, dass der medienpädagogische Diskurs der Bibliothekswissenschaft ohne konkrete Bezüge zur Medienwissenschaft stattfindet, erscheint plausibel. Dies legt demnach auch den logischen Schluss nahe, dass bisher keine tiefergehende Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten Medienkompetenz und Medienpädagogik in der deutschen Bibliotheklandschaft stattgefunden hat. Zu diesem Ergebnis kommt auch KELLER-LOIBL, die in ihrem Thesenpapier „Zum Bedarf der Bibliothekspädagogik/Medienpädagogik in berufsqualifizierenden Studiengängen zur Ausbildung von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren“ auf die mangelnde Behandlung von medienpädagogischen Notwendigkeiten in der Berufsausbildung hinweist. Auf die Erfordernis und das Wesen einer werteorientierten Medienkompetenzförderung wird allerdings auch hierbei nicht eingegangen.110

Ein weiterer Kritikpunkt wird bei der Betrachtung des Bestandsaufbaus in Bibliotheken deutlich. Für das Funktionieren einer Öffentlichen Bibliothek ist ein fundierter Bestandsaufbau wesentlich.
Hierbei werden nach guter fachlicher Praxis Bestandskonzepte von der Bibliotheksbelegschaft erarbeitet. Jene Konzepte schließen wesentliche Interessen- und NutzerInnengruppen, die an den Bibliotheksmedien partizipieren sollen, mit ein. Hierzu gehören vor allem auch jungendliche Nutzerinnen und Nutzer. Dieser Klientel können Medien, welche nach den Vorgaben des Jugendschutzgesetzes (JuSchG) nicht für ihr Alter bestimmt sind, vorenthalten werden. In dem vom Berufsverband BID erarbeiteten Konzeptpapier „Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe“ wird unter anderem auf die Einhaltung des Jugendmedienschutzes hingewiesen:

„Wir setzen uns auf der Grundlage des Jugendschutzgesetzes und weiterer gesetzlicher Regelungen für den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Inhalten ein, die nicht für sie geeignet sind.“111

Aus diesen Vorgaben kann eine grundsätzliche Verantwortungshaltung gegenüber den jungen Rezipienten herausgefiltert werden. Medien, die von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) als schädigend eingestuft wurden, werden dementsprechend von Öffentlichen Bibliotheken nicht an Kinder und Jugendliche entliehen. Im gleichen Papier wird weiterhin auf den freien Zugang zu Informationen und auf die Ablehnung von Zensur verwiesen. Beide Standpunkte werden im Wesentlichen aus dem Artikel 5 des Grundgesetzes extrahiert.112

„Wir setzen uns für die freie Meinungsbildung und für den freien Fluss von Informationen ein sowie für die Existenz von Bibliotheken und Informationseinrichtungen als Garanten des ungehinderten Zugangs zu Informationsressourcen aller Art in unserer demokratischen Gesellschaft. Eine Zensur von Inhalten lehnen wir ab.

Wir wählen die Informationsquellen nach rein fachlichen Kriterien, nach ihrer Qualität und ihrer Eignung für die Erfüllung der Bedarfe unserer Kundinnen und Kunden aus.“113

Zusammengefasst, fußt die gesamte Medienauswahl einer Bibliothek, nach den Vorgaben des BID, im Wesentlichen auf vier Säulen: Jugendschutz, Informationsfreiheit114, Qualität & Fachlichkeit sowie „Kundenwünsche“.

„Während ihre Hauptaufgabe früher darin bestand, eine qualifizierte Auswahl an Büchern zu unterschiedlichen Sachgebieten für die Ausleihe bereitzustellen, bringen sie sich heute aktiv in die Vermittlung von Medienkompetenz ein.“115

Im Gegensatz zu den oben dargelegten Verlautbarungen des Bibliothekswesens, verstärkt die Förderung von (ethischen) Kompetenzen im Medienbereich hervorzuheben, werden bzgl. einer Bestandsentwicklung in Öffentlichen Bibliotheken etwaige Schulungseinheiten für Kinder und Jugendliche im Bereich der Medienbildung offensichtlich ausgeklammert. Darüber hinaus kollidiert der Terminus „Kunde“, wie bereits im vorangegangenen Kapitel ausführlich dargelegt, mit den Grundsätzen einer wertebezogenen Kompetenzförderung.

Insgesamt scheint im bibliothekarischen Raum ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von medienkompetentem Verhalten von Heranwachsenden vorzuherrschen. Auch verweisen sowohl VertreterInnen der bibliothekswissenschaftlichen Disziplinen als auch die bibliothekarischen Interessenvertretungen auf eine konsequente Zusammenarbeit mit Schulen und anderen außerschulischen Bildungseinrichtungen. Als problematisch ist allerdings die fehlende Rückkopplung mit externen wissenschaftlichen Einrichtungen der Medienpädagogik anzusehen. Diesen Schluss lassen die fehlenden Bezüge auf die wesentlichen Standardwerke der Medienwissenschaft zu. Ergebnis dessen ist ein erkennbarer Mangel in der Auseinandersetzung, mit der sich die Autorinnen und Autoren zu den Herausforderungen einer praktizierten Arbeit mit den verschiedenen Medienarten äußern. Zudem ist kein wesentlicher Wertediskurs bezüglich der verschiedenen kompetenzfördernden Maßnahmen sichtbar. Zwar wird wiederholt auf ethisches Verhalten, welches dem bibliothekarischen Handeln zu Grunde liegen soll verwiesen (wenngleich die Verweise, wie im vorangegangenen Kapitel dargelegt zweifelhaft bleiben), allerdings wird dies ebenfalls nicht mit medien-pädagogischen Bildungsmaßnahmen auf der einen und den Menschenrechten mit dem zu Grunde liegenden Menschenbild auf der anderen Seite verknüpft. Aufgrund dieses offensichtlichen Mangels ist es nicht ersichtlich, unter welchen Voraussetzungen eine Maßnahme zur Förderung von Informations- und Medienkompetenzen umgesetzt werden soll.

Festzuhalten bleibt, dass die wertefreie Fokussierung bibliothekarischer Arbeit auf die Wünsche des „Bibliothekskunden“, insbesondere bei der Auswahl von Medien, eine zweifelhafte Form der Bildungsarbeit darstellt. Der Rückzug auf den Terminus „Kunde“ negiert die eigene Verantwortung bezüglich einer Werteorientierung im Sinne der Menschenrechte.

Eine bibliothekarische Einrichtung kann sich demnach auf eine indifferente Position zurückziehen, welche es den BibliothekarInnen erlaubt, bestimmte Inhalte den „Kunden“ zugänglich zu machen, die möglicherweise problematisch sein können.116 Auf der Grundlage des Kundenprinzips sind es ausschließlich die Rezipienten selbst, die sich anhand der konsumierten Inhalte verschiedene Bilder von mannigfachen Meinungen machen und diese bewerten sollen. Der Befähigungsprozess wird aus bibliothekarischer Sicht vermutlich an anderer Stelle gesehen, nur nicht innerhalb der Bibliothek bzw. durch bibliothekarische Arbeit. Verstärkt wird dieser Eindruck durch zwei weitere Standpunkte der Bibliothekswissenschaft: zum einen, dass bibliothekarische „Bestände und Dienstleistungen frei von Zensur sind“117 und zum anderen der der sogenannten Selbstbildung durch die BibliotheksnutzerInnen. Ob letztgenannter Ansatz konsistent im Sinne der vertretenen Ansicht einer notwendigen werteorientierten Medienarbeit ist, wird im Folgenden zu klären sein. Darüber hinaus ist zu diskutieren, inwieweit der konsequent angewandte Jugendmedienschutz im Rahmen der Bestandsentwicklung zur Förderung von Medienkompetenzen beiträgt bzw. eingesetzt werden kann.

Folgende Fragen stellen sich demnach:

  • Was müsste medienpädagogisches Handeln leisten?
  • Können Schulen die von der Bibliothek geforderten Voraussetzungen im Sinn einer wertebezogenen Medienkompetenzförderung überhaupt leisten?
  • Wie passt das vertretene Bild des selbstbildenden Rezipienten zum formulierten Anspruch der Bibliotheken, Medienkompetenzförderung zu betreiben?

Zur Bewertung der derzeit verfolgten Bibliothekspolitik, bezogen auf die aufgezeigten Leerstellen und Problemstellungen im Bereich der wertebezogenen Medienkompetenzförderung, folgt eine kurze Darstellung verschiedener Teilbereiche der Medienpädagogik sowie des Jugendmedienschutzes und der Psychologie.

  1. Vgl. Keller-Loibl, Kerstin et al.: „Zum Bedarf der Bibliothekspädagogik / Medienpädagogik in berufsqualifizierenden Studiengängen zur Ausbildung von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren“, Statement auf dem Medienpädagogischen Kongress „Keine Bildung ohne Medien“ am 24./25. März 2011, Berlin. []
  2. Bibliothek und Information Deutschland (Hrsg.): Ethik und Information : Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe. URL http://www.bideutschland.de/download/file/allgemein/EthikundInformation.pdf, Aktualisierung: 2007. S. 2 []
  3. Vgl. Hierzu u.a. Deutscher Bibliotheksverband (Hrsg.): Bibliotheksrecht : verfassungsrechtliche Grundlagen. URL http://www.bibliotheksportal.de/themen/recht/bibliotheksrecht-allgemein.html, Aktualisierung: 12.06.2012. []
  4. Bibliothek und Information Deutschland (Hrsg.): Ethik und Information : Ethische Grundsätze der Bibliotheks- und Informationsberufe. URL http://www.bideutschland.de/download/file/allgemein/EthikundInformation.pdf, Aktualisierung: 2007. S. 2 []
  5. Im Sinne des Art. 5 GG. []
  6. Barbian, Jan-Pieter: Schlüssel zur Welt: Öffentliche Bibliotheken als gesellschaftliche Orte der Information und des Wissens In: Schüller-Zwierlein, André et al. (Hrsg.): Informationsgerechtigkeit : Theorie und Praxis der gesellschaftlichen Informationsversorgung. München : de Gruyter Saur, 2012. S. 158 []
  7. Dabei ist deutlich zu sagen, dass hierbei nicht die allgemeine Zugänglichkeit entsprechender Werke in (wissenschaftlichen) Bibliotheken infrage gestellt wird, sondern der Bibliotheksbestand und die damit verbundene bibliothekarische Arbeit im jeweiligen lokalen Zusammenhang diskutiert werden muss. []
  8. Rösch, Hermann: Öffentliche Bibliotheken und ihre Umwelt. In: Schade, Frauke et al. (Hrsg.): Handbuch Bestandsmanagement in Öffentlichen Bibliotheken. München : de Gruyter Saur, 2012. S. 11. Auf den aus Art. 19 der UN-Menschenrechtserklärung und Art. 5 Abs. 1 GG auf die Bibliothekswelt übertragenen Begriff der „Zensur“ und einer hieraus resultierenden und notwendigen Kritik kann im Rahmen dieser Arbeit nicht eingegangen werden. Zum Aufriss der Problematik u.a. P., Veselin: Rassismus und eine Kultureinrichtung. URL http://lauterbautzner.blog.de/2012/07/05/rassismus-kultureinrichtung-14053409/, Aktualisierung: 2012. []

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