3.1. Der gesellschaftliche Auftrag zur Befähigung von Kindern und Jugendlichen

Am 5. April 1992 trat in Deutschland die UN-Konvention über die Rechte des Kindes in Kraft.89  Dort werden in Artikel 29 die Bildungsziele und die Bildungseinrichtungen dargelegt. Dabei werden speziell in Punkt d) Eckpfeiler errichtet, welche in der Vorbereitung der Kinder zur Bewältigung der bevorstehenden Lebensaufgaben von Bildungsinstitutionen zu beachten sind.

[Artikel 29] Die Vertragsstaaten stimmen darin überein, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss

[Punkt d] das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten.

Der vorgenannte Absatz beinhaltet demnach auch einen Aspekt, der nur indirekt sichtbar wird: die Vorbereitung auf z.B. tolerantes Verhalten, gleichberechtigtes und freundschaftliches Miteinander aller Menschen beinhaltet ebenso die Fähigkeit, schädigende Eingriffe in jene Grundsätze zu erkennen und sich demgegenüber verantwortungsbewusst einbringen zu können

Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes bezieht sich bereits in der Präambel auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Diese jedem Menschen zustehenden Rechte wurden in verschiedenen Erklärungen niedergeschrieben. Ob die Ausführungen im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (Art. 1) oder im Vertrag über die Europäische Union (Art. 2), alle diese Texte zur Menschenwürde basieren auf den Ausführungen der UN-Menschenrechtscharta von 1948.

[Präambel] Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet.

[Artikel 1] Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Diese Absätze legen die grundlegende Gleichheit der Menschen dar. Das Menschenbild in seiner Gesamtheit bildet sich im Zusammenwirken der weiteren Artikel heraus. Nach GODINA ergibt sich jenes universelle Menschenbild aus der kumulativen Betrachtung dreier Perspektiven:

Perspektive 1: die Begabungen des Menschen 

Der Mensch besitzt…

… angeborene Würde (Präambel; Art. 1),
… ein Gewissen (Präambel; Art. 1),
… die Vernunft (Präambel; Art. 1),
… eigene Interessen (Art. 23 Abs. 4).

Perspektive 2: seine systemische Einbettung

Der Mensch ist Teil…
… der Familie, sie ist die Grundeinheit der Gesellschaft (Art. 16 Abs. 3)
… der Gesellschaft (Art. 16 Abs. 3)
… einer sozialen und internationalen Ordnung (Art. 28).

Perspektive 3: Streben bzw. seine Bedürfnisse

Die Menschenrechte deuten implizit auf ein grundlegendes Streben hin bzw. auf das Bedürfnis des Menschen nach…
… Glaubensfreiheit (Präambel),
… Würde und Selbstwert (Präambel),
… Gleichheit und Gerechtigkeit (Art. 1; 2; 10; 23 Abs. 2),
… Leben (Art. 3),
… Freiheit (Art. 3),
… Sicherheit (Art.3; 22),
… Privatleben (Art. 4; 12),
… Ehrempfinden (Art. 12),
… guten Ruf (Art. 12),
… Eigentum (Art. 17),
… Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit (Art. 18),
… Meinungsfreiheit (Art. 19),
… Versammlung mit anderen Menschen (Art. 20),
… Gestaltung öffentlicher Angelegenheiten (Art. 21),
… Teil des Volkes bzw. Landes zu sein (Art. 21),
… Ämtern im Lande (Art. 21),
… Wahlfreiheit (Art. 21),
… sozialer Sicherheit (Art. 22),
… wirtschaftlichem, sozialem, kulturellem Genuss, nach Kunst (Art. 22, 27 Abs. 1),
… freier Entwicklung der Persönlichkeit (Art. 22),
… Arbeit, Berufswahl, gerechtem Lohn (Art. 23),
… Erholung, Freizeit, Begrenzung der Arbeitszeit (Art. 24),
… einem Lebensstandard, der Gesundheit und Wohl gewährleistet (Art. 25, 29 Abs. 2),
… Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung, sozialen Leistungen, Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität, Verwitwung, Alter (Art. 25),
… besonderer Fürsorge für Mütter und Kinder (Art. 25 Abs. 2),
… Bildung (Art. 26 Abs. 1),
… Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit (Art. 26 Abs. 2, Art. 29 Abs. 1),
… Schöpferische Tätigkeiten (Art. 27 Abs. 2),
… sozialer Ordnung (Art. 28),
… gerechten Anforderungen der Moral (Art. 29).90

Damit wird im Rahmen der Menschenrechtserklärung von 1948 – wie bereits erwähnt – jenes Menschenbild konstituiert, welches die Referenz für die Wesensstruktur der Gleichheit darstellt.91
Sollen Kinder und Jugendliche demnach für das weitere Leben in der Informations- bzw. Wissensgesellschaft vorbereitet werden, dann auf der Grundlage dieses Menschenbildes. Übertragen auf die Förderung von z.B. Medien- oder Informationskompetenz bzw. übertragen auf Schule und Lehre bedeutet dies, dass immer auch die Wahrung der Menschenrechte mitgedacht werden muss.

Diesen Befund und die Vorgaben aus den Kinderrechten aufgreifend, wurde in der deutschen Gesetzgebung ebenso die Befähigung von Kindern und Jugendlichen normiert. Grundsätzlich spanntdas Sozialgesetzbuch (SGB) – Achtes Buch (VIII) in seinen Ausführungen einen Rahmen zur Kinder- und Jugendhilfe. In § 14 SGB VIII wird Grundsätzliches zum erzieherischen Kinder- und Jugendschutz festgelegt.

(1) Jungen Menschen und Erziehungsberechtigten sollen Angebote des erzieherischen Kinder und Jugendschutzes gemacht werden.

(2) Die Maßnahmen sollen

1. junge Menschen befähigen, sich vor gefährdenden Einflüssen zu schützen und sie zu Kritikfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit sowie zur Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen führen,

2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte besser befähigen, Kinder und Jugendliche vorgefährdenden Einflüssen zu schützen.

In diesen Ausführungen wird, im Gegensatz zur UN-Konvention über die Rechte des Kindes, dezidiert auf den (pädagogischen) Ansatz zur Förderung der kritischen Auseinandersetzung mit gefährdenden Einflüssen, wie z.B. diskriminierenden und menschenverachtenden Inhalten, bezuggenommen. Allerdings sollen nicht nur Heranwachsende von freien und staatlichen Bildungsträgern befähigt werden, sondern auch Erziehungsberechtigte, damit diese wiederum den Heranwachsenden Hilfestellungen leisten können. Diese Maßnahmen sollen alle, wie bereits in den UN-Kinderrechten formuliert („verantwortungsbewusstes Leben“), mit der Verantwortungsübernahme gegenüber den Mitmenschen verbunden werden.

Mit Hilfe dieser Schilderung konnte die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Befähigung junger Menschen im Hinblick auf die kritische Auseinandersetzung mit Informationen aller Art, bei der gleichzeitigen Beachtung der Menschenrechte und dem damit verbundenen Menschenbild auf Grundlage der UN-Menschenrechtscharta, dargelegt werden. Unter der Zuhilfenahme der Ausführungen des Sozialgesetzbuches konnte speziell für Deutschland ein Rechtstext herangezogen werden, der die ausdrückliche Förderung notwendiger Kompetenzen vorsieht.

Zusammenfassend kann damit festgestellt werden, dass Bildungsmaßnahmen zur Steigerung der Fähigkeiten sich kritisch mit Informationen auseinanderzusetzen, auch immer mit der Vermittlung eines gewissen universellen Wertebezugs bezüglich der Menschenrechte einhergehen bzw. einhergehen sollen.

Bereits die Interpretation dieses Sachverhaltes respektive der zuvor dargestellten Texte ermöglicht es, einen Auftrag für Öffentliche Bibliotheken für das Vorhalten entsprechender Bildungsmaßnahmen zur Befähigung junger Menschen anzunehmen. Doch auch Akteure des öffentlichen Lebens stellen Bibliotheken immer wieder in den Kontext einer funktionierenden kommunalen Bildungslandschaft. Werden von nichtbibliothekarischen Institutionen Forderungen an die bibliothekarischen Einrichtungen und Akteure gerichtet, so geschieht dies zumeist über den Verweis der „Vermittlung von Informationskompetenz“92 als Teil medienpädagogischer Arbeit. Hierbei wird insbesondere alters- und zielgruppenspezifisch argumentiert. Die AG Medien- und Informationskompetenz der Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ skizziert ihren Anspruch an die öffentlich zugänglichen Bibliotheken und die schulischen Einrichtungen wie folgt:

„Die kritische Bewertung von Suchergebnissen sowie die problemorientierte Weiterverwendung von Alltags- und von Fachinformationen sind aber jenseits beispielhafter Initiativen von Bibliotheks- und Informationseinrichtungen viel zu selten Gegenstand von Bildungsprogrammen und Curricula. Kaum bekannt sind auch der aus informationskompetentem Verhalten erwachsende Nutzen, die Methoden der Informationswissenschaft, die Lösungen der Bibliothekspraxis sowie die Beratungsleistungen von Bibliotheks- und Informationsfachleuten. Diese Defizite gilt es, im Rahmen eines umfassenden Konzeptes von Informations- und Medienkompetenz zu beseitigen.“93

Wie Medienpädagoginnen und -pädagogen, so versteht auch die Bundes-94 und Landespolitik Bibliotheken als einen wesentlichen Akteur für die Förderung der genannten Kompetenzen. Zur Landtagswahl 2009 in Brandenburg verknüpfte eine Kandidatin der SPD folgende Wünsche mit der Einrichtung Bibliothek:

„Öffentliche Bibliotheken sind unabdingbar für die Entwicklung der Bildungsinfrastruktur und Bildungsqualität. […] Viele öffentliche Bibliotheken verstehen die altersgerechte Vermittlung und Förderung der Sprach-, Lese- und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen als eine ihrer Kernaufgaben.“95

Ebenso wie die zuvor geäußerten Wünsche und Anmerkungen, innerhalb der bibliothekarischen Einrichtung medienpädagogisch aktiv zu werden, wird gleichermaßen die Forderung laut sich als kommunale Bildungseinrichtung diesbezüglich nach außen zu profilieren. Die AG „Gemeinwesen als Orte der Medienbildung – Lokale und regionale Vernetzungen“ der Initiative „Keine Bildung ohne Medien!“ stellt jene Anforderung gewissermaßen so dar:

„Medien sollten insbesondere auch dafür genutzt werden, dass Bildungsinstitutionen, Schulen, Hochschulen, Bibliotheken, Museen aus ihrer in der Industriegesellschaft häufig erwachsenen Isoliertheit heraustreten und sich in ihren Fragestellungen und Antworten auf die Lebenswelt beziehen.“96

Zusammenfassend kann somit festgehalten werden, dass die verschiedensten AkteurInnen außerhalb des bibliothekarischen Fachdiskurses eine aktive und fundierte Zusammenarbeit zwischen Schulen und Öffentlichen Bibliotheken in der Auseinandersetzung mit medienpädagogischen Inhalten sichtbar begrüßen. Hierbei wird im Wesentlichen auf die Förderung von Informations- und Medienkompetenz durch Öffentliche Bibliotheken hingewiesen.

  1. Bekanntmachung vom 10. Juli 1992, BGBl II. S. 990 []
  2. Zitiert nach Godina, Bojan: Theoretische Grundlagen der werteorientierten Medienpädagogik. In: Godina, Bojan et al. (Hrsg.): Werteorientierte Medienpädagogik. Wiesbaden : VS, Verl. für Sozialwiss., 2011. S. 48 f. []
  3. Vgl. ebd. S. 48 []
  4. Informationskompetenz bezeichnet nach Gapski et al. „die Fähigkeit, bezogen auf ein bestimmtes Problem den Informationsbedarf zu erkennen, die relevanten Informationen zu ermitteln und zu beschaffen sowie gefundene Informationen zu bewerten und effektiv zu nutzen.“ Gapski, Harald et al.: Informationskompetenz in Deutschland. URL http://lfmpublikationen.lfm-nrw.de/modules/pdf_download.php?products_id=147, Aktualisierung: 2009. S. 13 []
  5. Weisel, Luzian et al.: AG Medien- und Informationskompetenz. In: Niesyto, Horst (Hrsg.): Keine Bildung ohne Medien! Medienpädagogischer Kongress. Positionen, Personen, Programm und Perspektiven. München : kopaed, 2011. S. 108 []
  6. Den Anspruch an eine angemessene Förderung von Medienkompetenzen bei Lehrenden und Studierenden an wissenschaftlichen Bibliotheken formuliert der sechste Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“. Siehe hierzu: Deutscher Bundestag (Hrsg.): Sechster Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ : Bildung und Forschung. BT-Drucks. 17/12029. S. 24 []
  7. Sozialdemokratische Partei Deutschlands: Wahlprüfsteine zur Landtagswahl 2009. URL http://www.bib-info.de/fileadmin/media/Dokumente/Landesgruppen/Brandenburg/Antwort_SPD.pdf, Aktualisierung: 2009. S. 2 []
  8. Schelhowe, Heidi et al.: AG Gemeinwesen als Orte der Medienbildung. Lokale und regionale Vernetzungen. In: Niesyto, Horst (Hrsg.): Keine Bildung ohne Medien! Medienpädagogischer Kongress. Positionen, Personen, Programm und Perspektiven. München : kopaed, 2011. S. 91 []

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