5. Fazit – eine Agenda in vier Punkten

1. Bibliothekarische Arbeit heißt: Verantwortung übernehmen

In der Einleitung wurden zwei aktuelle Beispiele für den Bedarf einer Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung für gesellschaftliche Veränderungen formuliert.
Dies waren einerseits die unter dem Schlagwort PRISM diskutierte Überwachung der digitalen Kommunikation und der Prozess gegen Beate Zschäpe. Im Gegensatz zum Magdeburger Manifest, das für die die Belange demokratiepädagogischer Arbeit die „[…] ständige Erneuerung demokratischer Verhältnisse […]“322 als „[…] eine bleibende Aufgabe und Herausforderung für Staat, Gesellschaft und Erziehung“323 benennt, ist ein solcher Schritt innerhalb der bibliothekarischen Berufsethik nicht erkennbar. Hinzu kommt eine, innerhalb des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv) sichtbare, Unsicherheit bezüglich der eigenen Ziele. So wird einerseits im zentralen Dokument bibliothekarischer Berufsethik, dem „Code of ethics“, sowohl den BesucherInnen als auch den MitarbeiterInnen von Bibliotheken mit dem Kundenbegriff ein Leitbild der Kundenorientierung oktroyiert. Andererseits stellt der dbv dem damit verbundenen Ziel, „[…] eine Wertehierarchie im Menschen zu postulieren und zu fördern, die sich an den Produkten des Konsums als höchstes menschliches Gut orientieren“324 folgende Aussage gegenüber: „Und Bibliotheken sind neutral, ihr Angebot ist nicht dem Konsum verpflichtet.“325 Diese Verunsicherung bezüglich der eigenen Rolle, d.h. der Rolle aller an Bibliothek Beteiligten und die Rolle der Institution selbst, kann mittels eines demokratisch organisierten und somit partizipativen Leitbildprozesses aufgelöst werden. Dabei müssen sich die in Bibliotheken Beschäftigten nicht nur grundlegend der Frage stellen, wie sie sich aktiv an der beständigen Erneuerung demokratischer Verhältnisse in der Gesellschaft beteiligen wollen, sondern auch die jeweiligen lokalen Verhältnisse analysieren und interpretieren. Kommunale Bibliotheken handeln niemals losgelöst von ihren sozio-politischen Umfeldern. Sie müssen sich im Gegenteil mit der Entwicklung ihres Medienbestandes an den gesellschaftlichen Entwicklungen bzw. Verwerfungen orientieren, um mit stichhaltigen Bildungsmaßnahmen beständig förderlich oder korrigierend interagieren zu können. Grundlegend ist hierbei, einen Bezug zu den für die Demokratie maßgeblichen Werten herzustellen, den Menschenrechten.

2. Bibliothekarische Arbeit heißt: Wertebezogene Kompetenzförderung

Es ist vordringlichste Aufgabe des Gemeinwesens, Gelegenheiten zur Reflexion als pädagogisch gestaltete Umgebungen zu schaffen. Dazu braucht es gewissermaßen Angebote zur „Alphabetisierung“ der gesamten Bevölkerung, welche die kritische Reflexion fördert und unterstützt. Gerade Öffentliche Bibliotheken, als wesentliche kommunale Kultureinrichtung, müssen dieser Anforderung gerecht werden und als Leuchttürme einer wertebezogenen Medienbildung in Erscheinung treten. In diesem Zusammenhang ist zentral noch einmal festzuhalten, dass die Inhalte eines Buches, einer Musik-CD oder die des Internets nicht per se bildend wirken. Erst wenn Inhalte von den Rezipienten in Beziehung zueinander oder zu persönlich Erlebtem etc. gesetzt werden können, wirken sie bildend.

Die zukünftige Aufgabe von Bibliotheken, solche Zusammenhänge, im Sinne einer Förderung von Medien- und so schlussendlich von Demokratiekompetenzen, herzustellen, muss zur zentralen Triebfeder bibliothekarischen Handelns erwachsen. Dies impliziert freilich auch die bereits angesprochene Verantwortungsübernahme für die in der Bibliothek angebotenen Medienproduktionen. Im Gegensatz zum bisher vertretenen Bild, die jugendlichen NutzerInnen mit den konsumierten (und womöglich problematischen) Inhalten sich selbst zu überlassen, müssen sich Bibliotheken und deren wissenschaftlicher Überbau von ihrer neutralen Haltung bezüglich ihrer Klientel lösen. Hierfür ist allerdings eine weitergehende Öffnung für interdisziplinäre Ansätze notwendig.

3. Bibliothekarische Arbeit heißt: Beständige Weiterentwicklung der Ausbildung

Für eine ganzheitliche Implementierung vorgenannter wertebezogener Ansprüche, müssen die Bibliothekswissenschaft und die bibliothekarischen Institutionen Überlegungen anstellen, wie digitale und analoge Medien in Lernprozesse so eingebunden, genutzt und gestaltet werden können, dass das kulturelle und demokratische Kapital aller Jugendlichen sichtbar und wirksam wird. Gleichzeitig müssen bibliothekarische Instanzen lernen zu verstehen, gesamtgesellschaftliche Herausforderungen zu generieren, um hieraus etwaige Bildungsmaßnahmen zu initiieren.

„Ohne Zweifel erfordert die Unterscheidung und Selektion von Informationsquellen und Informationsgehalten von den Menschen, und zwar nicht nur von den Heranwachsenden, sondern ebenso von den Erwachsenen, heute erhebliches Wissen und Urteilsvermögen in Bezug auf inhaltliche und technische Strukturen und Machtverhältnisse in der vernetzten Medienwelt. Und ohne Zweifel haben keineswegs alle Menschen die Chance gehabt bzw. erhalten sie aktuell, die dazu notwendigen Fähigkeiten zu erwerben und sie beständig mit den schnell vonstatten gehenden Entwicklungen in der vernetzten Medienwelt in Einklang zu bringen. Dies festzuhalten und pädagogische Forderungen zu stellen ist notwendig.“326

Durch die zusammenhangs- und somit verantwortungslose Darbietung von Medien konnten von bibliothekarischen Einrichtungen in diesem Zusammenhang bisher keine wesentlichen Impulse für die Beibehaltung bzw. Fortentwicklung einer demokratischen Gesellschaftsordnung freigesetzt werden. Dies muss sich, vor allem auch in Anbetracht der sich immer weiter zuspitzenden finanziellen Situationen der öffentlichen Hand und dem daraus resultierenden Rechtfertigungsdruck für kommunale Kultur- und Bildungseinrichtungen schnellstmöglich ändern.

4. Bibliothekarische Arbeit heißt: Transparent Stellung beziehen

Konkret sichtbar wird die Aufgabe transparent Stellung zu beziehen bspw. bei der Betrachtung von Musik, die mit rassistischen, homophoben, sexistischen oder gewaltverherrlichenden Botschaften aufwartet. Solche Inhalte sind längst nicht nur in Songs von Neonazibands zu finden. Auch Chartmusik kann mit solcherlei Textfragmenten aufwarten. Für die bibliothekarische Arbeit sollten solche Erscheinungen Grund zur Intervention sein. Anhand der genannten Wertemaßstäbe und Anforderungen der UN-Menschenrechtcharta, des Grundgesetzes, des Sozialgesetzbuches oder des Leitbildes der eigenen Einrichtung sollten Liedtexte, welche die darin festgehaltenen Grundsätze missachten, einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Im Ergebnis dieser Prüfung sollte nicht der prinzipielle Ausschluss der Medien stehen, sondern die Frage nach einem verantwortlichen, die Bibliotheksbesucherinnen und -besucher begleitenden medienpädagogischen Angebot zur Ausbildung kritischer Kompetenzen gestellt werden. Kann ein solches Angebot nicht geleistet werden, sind Medien mit problematischen Inhalten mit Verweis auf entsprechende Grundsätze nicht zu erwerben.

Der Leitsatz sollte daher lauten:

Wenn eine Förderung von wertebezogener Medienkompetenz anhand diskriminierender Inhalte nicht geleistet werden kann, ist vom Erwerb entsprechender Medien abzusehen. (Der Nichterwerb ist zu begründen.)

Die transparente Begründung für den nicht vorgenommenen Erwerb eines gewünschten Werkes, im besten Fall anhand der im lokalen Leitbild festgehaltenen Grundsätze, eröffne nicht nur den Beschäftigten, sondern vor allem auch den Bibliotheksbesucherinnen und -besuchern bereits erste Gelegenheiten für eine inhaltliche Auseinandersetzung. Ein solcher Diskussionsprozess kann durchaus als wesentlicher Teil bibliothekarischer Bildungsarbeit verstanden werden.

Bezogen auf die Diskussion zu bestandsorientierter oder nutzerorientierter Arbeit, ist dies zudem der angesprochene Mittelweg. Nicht ausschließlich ein bestimmtes Bestandsprofil oder die Fokussierung auf Nutzerwünsche steht im Vordergrund, sondern die Überlegung, aus den Wünschen der NutzerInnen ein am Bestand orientiertes Angebot zu entwerfen.
Bibliotheken und die Bibliothekswissenschaft müssen das Verständnis, Medien nicht als qualitatives Bildungsmaterial, sondern als quantitatives Qualitätsmerkmal zu begreifen, grundlegend überprüfen und im Sinne der vorgenannten Punkte revidieren.

Schluss

Die in der vorliegenden Arbeit betrachteten Fragestellungen sind im bibliothekarischen Kontext bisher kaum untersucht. Gleichwohl konnte konstatiert werden, dass sie, trotz der im Rahmen der Bearbeitungszeit eingeschränkten Möglichkeiten zur ausführlicheren Betrachtung (insbesondere das Kapitel zum Kundenbegriff betreffend), zentral für die bibliothekarische Arbeit sind.

„Demokratie ist eine historische Errungenschaft. Sie ist kein Naturgesetz oder Zufall, sondern Ergebnis menschlichen Handelns und menschlicher Erziehung. Sie ist deshalb eine zentrale Aufgabe für Schule und Jugendbildung.“327

  1. Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (Hrsg.): Magdeburger Manifest URL http://degede.de/uploads/media/Magdeburger_Manifest_01.pdf, Aktualisierung: 2005. [S. 1] []
  2. Ebd. []
  3. Godina, Bojan: Theoretische Grundlagen der werteorientierten Medienpädagogik. In: Godina, Bojan et al. (Hrsg.): Werteorientierte Medienpädagogik. Wiesbaden : VS, Verl. für Sozialwiss., 2011. S. 30 []
  4. Deutscher Bibliotheksverband (Hrsg.): “Die dezentrale Kulturarbeit geht unter” : Presseinformation der BID zum Bibliothekskongress 2010. URL http://www.bibliotheksportal.de/service/nachrichten/archiv/einzelansicht/article/die-dezentrale-kulturarbeit-geht-unter.html, Aktualisierung: 09.03.2010. []
  5. Theunert, Helga et al.: Jugend und Information in der mediatisierten Gesellschaft. In: Merz, Zeitschrift für Medienpädagogik (2013), Nr. 3, S. 10 []
  6. Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik (Hrsg.): Magdeburger Manifest. URL http://degede.de/uploads/media/Magdeburger_Manifest_01.pdf, Aktualisierung: 2005. [S.1] []

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