4. Musik


Im Frühjahr dieses Jahres wurde die Rockband Frei.Wild von der Nominierungsliste für den „Echo“ in der Kategorie „Rock/Alternativ National“ gestrichen. Zwei namhafte Bands hatten aufgrund der aus ihrer Sicht fragwürdigen rechtspopulistischen Aussagen der Südtiroler Band ihre Nominierung zurückgezogen um so gegen einen Auftritt Frei.Wilds zu protestieren. Neben der Unterstützung zahlreicher Frei.Wild-Fans erfuhr die Gruppe auch Solidaritätsbekundungen aus der rechten Ecke des politischen Parteienspektrums, wie zum Beispiel der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). Genauso wie der eben geschilderte „Echo-Konflikt“, erfuhr auch die kürzlich ausgetragene Auseinandersetzung zwischen Gangsta-Rapper Bushido und politischen VertreterInnen enorme mediale Aufmerksamkeit. In einem Lied, das der Rapper zu einem Album eines Künstlers seines Labels beisteuerte, wurden nicht nur homophobe Aussagen getätigt, sondern darüber hinaus auch der Tod einer bekannten Bundestagsabgeordneten gefordert. Der Eklat gipfelte in einer Strafanzeige des Regierenden Oberbürgermeisters von Berlin und in einer Indizierung des Tonträgers durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Frei.Wild und Bushido, eine Band und ein Solo-Künstler, die durch ihren kommerziellen Erfolg mit einer Vielzahl von Musikalben auch in Öffentlichen Bibliotheken vertreten sind. Vornehmlich Jugendliche sollen mit dem Angebot solcher Musik – unabhängig von inhaltlichen Statement oder musikalischer Gattung – angesprochen und als NutzerInnenklientel für die Bibliothek gewonnen werden.

Musikmedien in den vielfältigsten Ausprägungen gehören neben gedruckten Büchern zu den wesentlichen Bestandsindikatoren Öffentlicher Bibliotheken. Im Jahr 2011 besaßen die an die städtischen Bibliotheken angeschlossenen Musikbibliotheken181 im Schnitt 12.566 CDs. Jede der 55 befragten Musikbibliotheken in Deutschland verlieh 2011 durchschnittlich rund 86.500 Musik-CDs an ihre Nutzerinnen und Nutzer.182

Auch wenn es derzeit zaghafte Bestrebungen im Bibliothekswesen gibt, Musik auch per mp3-Download oder Online-Streamingdienste zur Nutzung anzubieten, so sind Musikproduktionen in Bibliotheken maßgeblich an das Trägermedium CD gebunden.183 Das Erwerbungsspektrum reicht hierbei von Klassik über Heavy Metal bis hin zum aktuellen Charterfolg.

Folgende Fragen ergeben sich aus den oben geschilderten Vorfällen und den statistischen Größen: Wie gehen Bibliotheken mit ihrer Vielzahl an Musikmedien und als außerschulische Bildungseinrichtung mit diskriminierenden und den Menschenrechten widersprechenden Aussagen um? Wie soll eine kommunale Einrichtung verfahren, die den Anspruch haben soll, Kinder und Jugendliche nicht sich selbst zu überlassen, sondern diese auf dem Weg zu verantwortungsbewussten Erwachsenen adäquat zu begleiten?

Wie bereits im vorherigen Kapitel deutlich herausgestellt, sollte der Wertebezug im Rahmen medienpädagogischer Bibliotheksarbeit die wesentliche Bezugsgröße von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren darstellen. Damit diese jedoch überhaupt in die Auseinandersetzung mit oben genannten und womöglich jener Wertebasis widersprechenden Musikerscheinungen treten können, muss ihnen bewusst sein, wie Musik von Jugendlichen konsumiert wird und welche Auswirkungen die Rezeption von Musik auf die Sozialisation von Heranwachsenden hat. Nur dann ist es den BibliotheksmitarbeiterInnen im Ansatz möglich, die wesentlichen Erscheinungs- und Artikulationsformen von diskriminierenden Textpassagen im Allgemeinen, möglicherweise trotz ihres kommerziellen Erfolges, und die Überschneidung zu neonazistischer Musik im Speziellen zu (er)kennen, um entsprechende Schlüsse für die Arbeit mit Jugendlichen daraus ziehen. Darüber hinaus soll untersucht werden, inwieweit sich die deutsche Bibliothekswissenschaft mit dem Problemfeld der Musikrezeption von jungen Menschen bereits beschäftigt. Abgeschlossen wird jener Abschnitt mit einer kurzen Schilderung der Fortbildungsinhalte und Vorschläge für die praktische Arbeit mit Musik-Medien in Öffentlichen Bibliotheken sowie einer Zusammenfassung und einem kurzem Fazit.

  1. Hierunter werden auch Stadtbibliotheken ohne voll ausgebaute Musikabteilung subsumiert, „sofern sie über größere Bestände an Musikbüchern, Noten oder Tonträgern verfügen.“ Deutscher Musikrat (Hrsg.): Öffentliche Musikbibliotheken. URL http://www.miz.org/themenportale/medien-recherche/oeffentliche-musikbibliotheken-s607, Aktualisierung: n.e. []
  2. Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Deutsche Bibliotheksstatistik : Musikbibliotheken 2011. URL http://www.hbz-nrw.de/dokumentencenter/produkte/dbs/aktuell/auswertungen/musikbibliotheken_11.xls, Aktualisierung: 2012. []
  3. Vgl. Mittrowann, Andreas: Aktuelle Tendenzen und Herausforderungen beim Bestandsmanagement von Nonbooks und Netzpublikationen in Öffentlichen Bibliotheken. In: Schade, Frauke et al. (Hrsg.): Handbuch Bestandsmanagement in Öffentlichen Bibliotheken. Berlin : de Gruyter Saur, 2012. S. 42 ff. []

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