2. Die berufliche Wertebasis

Für die Schaffung demokratischer Prozesse ist die Auseinandersetzung mit den in einer Organisation vorhandenen Machtstrukturen zentral. Alle Beteiligten benötigen Wissen über vorhandene Hierarchien. Dies gilt sowohl für schriftlich fixierte (manifeste), als auch für die in sozialen Erwartungshaltungen (mentale) beinhalteten Strukturen. Erst im Wissen um die Abgrenzung der Rechte der jeweils beteiligten Gruppen und Personen können demokratische Prozesse organisiert werden. Im bibliothekarischen Raum betrifft dies die Auseinandersetzung mit den Ansprüchen und Pflichten des Bibliotheksträgers, der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und den Besucherinnen und Besuchern einer Bibliothek – also alle an der Institution Bibliothek Beteiligte.

Somit ist die Untersuchung der Frage, welches Rollenverständnis innerhalb bibliothekarischer Einrichtungen vorherrscht, zentral. Erst die Auseinandersetzung mit dieser Frage erlaubt Überlegungen zur Schaffung demokratischer Prozesse innerhalb bibliothekarischer Arbeit. Als Beispiel für das Binnenverhältnis zwischen den MitarbeiterInnen sowie den BesucherInnen einer Bibliothek soll daher der im Berufsstand der BibliothekarInnen anerkannte Kundenbegriff untersucht werden. Dabei kann das nachfolgende Kapitel den Kundenbegriff nicht abschließend klären bzw. erklären. Stattdessen soll der exemplarische Versuch unternommen werden, zwei bisher unbeachtete Problemfelder bei der Nutzung des Kundenbegriffs zu benennen: die Auswirkungen des Begriffs auf das (berufs-) eigene Rollenverständnis und die bei der Nutzung des Begriffs auftretenden Machtasymmetrien.
Diese beruhen auf der Fokussierung dienstleistungsbezogener bibliothekarischer Fachtexte auf betriebswirtschaftliche Fragen und am Rande auf Fragen der Konsumsoziologie und Marktforschung.

Weiterhin ergibt sich aus der eingangs getroffenen Feststellung, dass Wissen über Hierarchien notwendig für die Schaffung demokratischer Prozesse ist, eine zusätzliche Pflicht: Schaffung von Transparenz.

Dies bezieht sich insbesondere auf die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Rechten, Pflichten und Bedürfnissen und mit denen Anderer.
Als Instrument für diese Auseinandersetzung und für die Schaffung von Transparenz, sind Leitbilder zentral. Sie bieten sowohl nach innen als auch nach außen den Bezugspunkt zur Auseinandersetzung mit der Arbeit einer Institution. Dementsprechend ist auch die Betrachtung des in der bibliothekarischen Fachliteratur manifestierten Leitbildverständnisses notwendig. Ähnlich der bereits erwähnten Beschäftigung mit dem Kundenbegriff stellt sich auch hier die Frage, inwiefern die Fokussierung dienstleistungsbezogener bibliothekarischer Fachtexte auf betriebswirtschaftliche Fragen einen Einfluss auf das Leitbildverständnis hat. Verändert also der betriebswirtschaftlich geprägte Blick auf ein Leitbild, d.h. das Verständnis des Leitbildes als Führungs- und Marketingwerkzeug, die Funktion und den Inhalt desselben?

Das aus der nachfolgenden Untersuchung hervorgehende Verständnis von Leitbildern und der Rolle bibliothekarischer Arbeit in der Gesellschaft ist grundlegend für die dann folgende Auseinandersetzung mit medienpädagogischen Fragen.

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