Zur Masterarbeit

Wie kam es zu dieser Arbeit?

Gerhard: Den Aufschlag zum Thema fand ich bereits während der Bearbeitungsphase meiner Diplomarbeit. Im Herbst 2009 gelang der NPD erneut der Einzug in den Sächsischen Landtag. Auch in den Kommunen des Freistaats war die NPD zu der Zeit recht stark vertreten. In einigen Gemeinden konnte sie über 10 % der Stimmen auf sich vereinen. Demnach stellte sich mir die Frage, inwieweit sich bibliothekarische Einrichtungen mit einer neonazistischen Kommunalpolitik auseinandersetzen. Bereits im Rahmen der Klärung dieser Fragestellung wurden erhebliche Leerstellen im bibliothekswissenschaftlichen Diskurs sichtbar: es gab zu dieser Thematik schlicht keinen.
Mit diesem Wissen habe ich mich dann 2011 auf die Suche nach einem geeigneten Studiengang begeben, der mir in der Bearbeitung essentieller Frage nach dem Sinn und Zweck von Bibliotheken in einer Demokratie zur Seite steht. Fündig wurde ich dann an der Freien Universität mit dem zweisemestrigen und damals noch recht neuen Masterstudiengang „Demokratiepädagogische Schulentwicklung und soziale Kompetenzen“. Konzipiert eher für Lehrerinnen und Lehrer, wagte ich dennoch die Reise in ein, für Jungbibliothekare, unbekanntes Land voller pädagogischer Grundlagen, sozialer Kompetenzen und allerlei Demokratietheorie. Und da Reisen bzw. Studieren alleine keinen Spaß bringt, dachte ich mir: Fragst du doch den Peter, ob er nicht auch Lust auf etwas Demokratiepädagogik hat …

Peter: Tja und da stand ich nun. Eigentlich hatte ich mich schon fast an der Uni Hamburg für Erziehungswissenschaften im Hauptfach und Rechtswissenschaft im Nebenfach immatrikuliert, was ich immer noch für eine großartige „Zusatzqualifikation“ erachten würde, stattdessen also Arbeit und berufsbegleitender Master. Da ich im Hinterkopf immer noch den flüchtigen Wunsch rumfliegen hatte, dass eine Schulbibliothek ja doch ein sehr geeigneter Arbeitsort für mich wäre, erschien dieser Studiengang dann ein Glücksgriff zu sein. Denn was kann es hierfür besseres geben, als die Verbindung des bibliothekarischen Wissens mit einem Studiengang zu demokratiepädagogischer Schulentwicklung. Außerdem studiert und diskutiert es sich gemeinsam dann ja doch netter. Das dieser Studiengang mich persönlich so derart aufrütteln würde, einerseits bezüglich des Inhalts und andererseits bezüglich des Niveaus, war da noch nicht abzusehen. Ich glaube das ging Dir auch so Gerhard, oder?

Wer hat Euch inhaltlich begleitet?

Gerhard: Definitiv. Grundfest erschüttert möchte ich beinahe meinen. Und ohne den fast täglich ablaufenden Meinungsstreit mit Dir, hätte ich die Geschichte sicherlich auch nicht so durchgezogen. Man muss sich das ja alles mal vorstellen: Du wirst als halbwegs ahnungsloser und frontal unterrichteter FH-Bibliothekar im ersten FU-Seminar mit der Frage konfrontiert “Was ist für dich Demokratie”, um sich nur ein Seminar später mit dem Reformpädagogen John Dewey auseinanderzusetzen, um hiernach die Problematik mit der Selbstwirksamkeitssteigerung von Kinder und Jugendlichen im Schulunterricht anzudiskutieren. Mit der Zeit versuchst du dann das erworbene Wissen auf das Bibliothekswesen umzulegen, … und wirst dabei fast wahnsinnig. Wahnsinnig deswegen, weil es mit jedem Seminar klarer wird, dass das deutsche Bibliothekswesen, wie es derzeit am Leben erhalten wird, nichts mit einer etwaigen Stabilisierung von “Demokratie” zu tun hat. Wenn dir das klar wird, brauchst du jemanden, der dir fast täglich versichert, dass du nicht bescheuert bist… Danke Peter!
Ansonsten wurde es im Rahmen Masterarbeit immer wichtiger sich mit den wesentlichen MedientheoretikerInnen und -PädagogInnen auseinanderzusetzen. Allen voran Dieter Baacke, Bernd Schorb, Helga Theunert, Dagmar Hoffman und Bojan Godina, der uns mit seinen Ausführungen über die werteorientierte Medienkompetenzförderung so ziemlich alle Knoten hat lösen lassen.

Peter: John Dewey! Dessen Ideen sind für das Verständnis der Auseinandersetzung mit Demokratie fundamental und er hat uns ja zu unserem Running Gag “Das Bibliothekswesen hat sich verguckt und stützt sich auf den falschen Dewey.” geführt. Man kann sogar so weit gehen, dass sich selbst aktuelle Trends im bibliothekarischen Bereich, Stichwort “Makerspace” oder FabLab, grundlegend auch auf Dewey beziehen lassen. Die Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche stand also zur Debatte, natürlich eingebettet in den schulischen Rahmen. Deine Angst wahnsinnig zu werden, weil sich das übliche – ich sage es absichtlich polemisch – bibliothekarische Rechtfertigungsgeschwafel nicht deckt mit dem bibliothekarischen Alltag und schon gar nicht mit bibliothekswissenschaftlichen Schriften. Erschreckend war für mich in diesem Zusammenhang auch die Feststellung, wie wenig doch die Bibliothekswissenschaft in manchen Gebieten in die Tiefe geht, obschon sie eben diesen Eindruck erweckt. Zusätzlich zu den von Dir erwähnten WissenschaftlerInnen würde ich noch Stephan Voswinkel, Hans J. Pongratz und Katharina Giesel hinzufügen. AutorInnen leicht zu recherchierender Werke, die sowohl die ethischen Grundlagen unserer Berufsverbände als auch das Rückgrat aktueller betriebswirtschaftlich geprägter bibliothekarischer Literatur mächtig zum wackeln bringen bzw. meiner Interpretation nach auch einfach zum Einsturz – Stichwort: KundInnenbegriff und Leitbilder. Besonders hervorzuheben ist dabei natürlich noch Wolfgang Edelstein. Aber zurück zum Wahnsinn. Ich kann das an dieser Stelle nur zurück geben. Über zwei Jahre beständige teilweise fast tägliche Diskussionen miteinander, ergänzt durch Seminare eines Studiengangs der mir erst zeigte was studieren tatsächlich bedeutet, das war schon was und es war gut einen motivierten Bibliothekar an der Seite zu haben.

Wo lag der besondere Kniff in Eurer Masterarbeit?

Peter: Diese Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, denn thematisch ist die Arbeit sehr komplex. Ich werde es mal in der Abfolge der Kapitel in der Masterarbeit versuchen. Die Arbeit beginnt mit zwei praktischen Beispielen, die bereits länger sichtbar dabei aber immer noch hoch aktuell sind und die man der überregionalen Presse entnehmen kann. Dies ist einerseits der am Oberlandesgericht München stattfindende Prozess gegen Beate Zschäpe, eines mutmaßlichen Mitglieds der (rechts-) terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ und andererseits die Überwachung der digitalen Kommunikation durch zahlreiche Geheimdienste, mittlerweile kann man wahrscheinlich sagen: durch nahezu alle Geheimdienste. Beide Punkte sind geeignet die Frage aufzuwerfen, wie denn eine demokratische Gesellschaft damit umgehen kann, darf oder sollte. Mit schon klar sichtbaren Einflüssen aus dem oben genannten Studiengang verweisen wir auf die Notwendigkeit sich mit Werten zu befassen, genauer den Menschenrechten. Dies ist nun der besondere Kniff, denn es ist zugleich die grundlegende Fragestellung für unsere Arbeit: wie reagiert eigentlich unser Berufsstand, wie reagieren Bibliotheken auf die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen, mit den Grundrechten, mit Menschenrechten oder allgemein den demokratischen Bedürfnissen ihrer Umwelt. Wo stehen wir also als Bildungseinrichtung, so Bibliotheken denn eine sind oder sein wollen. Dies wurde sodann anhand zweier Punkte, dem KundInnenbegriff und der Frage nach bibliothekarischen Leitbildern exemplarisch ergründet. Die Arbeit dabei insgesamt so konzipiert, dass wir uns quasi von außen herein immer tiefer ins bibliothekarische Fleisch bohren und fragen: was machen die da eigentlich? Der Auseinandersetzung mit dem KundInnenbegriff und den Leitbilder folgte dann nämlich die Frage und hier geht es an die praktische und alltägliche bibliothekarische Arbeit, wie es denn um die werteorientierte Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche im bibliothekarischen Raum bestellt ist. Was ist das überhaupt. Was kann das und wer macht das? Nach dieser Auseinandersetzung geht es dann an den Kern. Exemplarisch für eine in Bibliotheken sehr häufig anzutreffende und sehr gut frequentierte Medienform, der Musik d.h. den Musikmedien, wird die Wirkweise und die bibliothekarische Auseinandersetzung mit selbiger analysiert. Aber hierzu wird Gerhard sicherlich noch ein bis drei Worte sagen wollen. Zu einer kurzen und knackigen Zusammenfassung unserer Erkenntnisse kommen wir dann sicher später noch zu sprechen.

Gerhard: Im Grunde hast Du bereits das Wesentlichste und gleichzeitig Kniffligste an unserer Arbeit sauber umrissen. Spannend für mich war vor allem das Herausschälen der Grundlage, auf der jede Schulungseinheit zur Medienkompetenzförderung fußen sollte: nämlich auf den Menschenrechten. Man kann ja einen Text, sagen wir von Bushido, inhaltlich nur dann kritisieren, wenn man weiß, an welchen ethisch-moralischen Normen ich die Prüfung stattfinden lasse. Das ist der oft bemühte “Springende Punkt”. Die Bibliothekswissenschaft hat diesen wesentlichen Faktor leider noch nicht entdeckt. Vielleicht ja jetzt. Aber ganz allgemein gesprochen empfand ich das Verspleißen der Stränge “Bibliothekswesen” und “Medienwissenschaft” als besonders nervenaufreibend. Ob mir das gelungen ist, kann jetzt die weite Fachwelt beurteilen.

Apropos beurteilen: Wie wurde Eure Arbeit denn bewertet?

Peter: Nicht so schlecht.

Gerhard: Ja doch, unsere GutachterInnen, Prof. Harm Kuper und Dr. Ulrike Wolff-Jontofsohn, schienen recht angetan.

Peter: Sollen wir es sagen?

Gerhard: Na los.

Beide: 1,0

Welchen Effekt erhofft Ihr Euch von Eurem Werk?

Peter: Ach, eigentlich wäre ich schon froh, wenn im bibliothekarischen Raum über demokratische Prozesse geredet würde und wenn man aus dem selbsterhaltungstriebgesteuerten Herumgefloskel heraus käme.

Gerhard: Ich würde mir wünschen, dass sich die VertreterInnen der Bibliotheks- und Medienwissenschaft an einen Tisch setzen und über zwingend notwendige Reformen im Bibliothekswesen debattieren. Bei diesem Gespräch sollte es vor allem um adäquate Angebote für die Förderung von (werteorientierter) Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen gehen. Das würde mir für den Anfang schon reichen.

2 comments on “Zur Masterarbeit
  1. Guten Tag. Aus der Arbeit würde ich gern ein Buch für die Freie Bibliothek Pegasus in Second Life machen. Selbstverständlich, wie alles bei mir, auf gänzlich unkommerzielle Weise. Wäre das in Ordnung?
    MfG
    Burkhard Tomm-Bub, M.A.
    aka
    BukTom Bloch

  2. PJ sagt:

    Na klar. Was genau brauchst Du dann am besten von uns?

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